„Wir gehen jetzt zum Bahnhof, Russen gucken“

Märkischer Kreis. (pmk) Eineinhalb Jahre hat Kreisarchivar Ulrich Biroth an der Zusammenstellung und Organisation der Ausstellung „Lieb Vaterland magst ruhig sein – Der Erste Weltkrieg im heutigen Märkischen Kreis“ gearbeitet. Der 55-Jährige sammelte Exponate, besuchte viele Familien, arbeitete die Geschichte auf und dokumentierte die oft sehr persönlichen Erinnerungen vieler Angehöriger damaliger Frontsoldaten. „Es war sehr schön, wie viele Menschen sich auf unseren Aufruf, uns Ausstellungsgegenstände zur Verfügung zu stellen, gemeldet haben“, sagte Ulrich Biroth. Insgesamt 45 Familien besuchte der Diplom-Archivar. „Dort habe ich viele Gespräche geführt, einige haben mich sehr bewegt.“

Notizbuch mit Granatsplittern

In der Ausstellung ist beispielsweise der Feldpostbrief eines Soldaten, der seiner Mutter von der Front schrieb: „Mama, ich bin gut angekommen.“ Der Brief kam zeitgleich mit der Todesnachricht in der Heimat an. „Wenn man das liest, dann schluckt man schon“, so Ulrich Biroth. Da ist auch das Notizbuch eines Leutnants aus Plettenberg, durchsiebt von Granatsplittern. In der Ausstellung sind zudem viele Bilder, weitere Briefe, Orden, Ehrenzeichen, Abzeichen und Erinnerungsstücke zu sehen, die Frontkämpfer nach Hause geschickt haben.

„Eine Frau aus Altena hat uns den Nachlass eines gefallenen Familienmitglieds überlassen. Das Paket kam aus dem Jahr 1918 war noch genauso, wie es damals angekommen ist. So hat sie es aufgehoben. Es beinhaltet unter anderem die Brieftasche, die Korrespondenz mit der Heimat und drei Zigarren“, erzählt Ulrich Biroth. viele Menschen, die sich von den Erinnerungen an die schlimmen Jahre von 1914 bis 1918 trennen und die zumeist sehr persönlich sind, überlassen sie zu treuen Händen dem Kreisarchiv. „Sie sind schon lebensälter und haben uns gesagt, die Enkel interessiert das ja sowieso nicht mehr. Nehmen Sie es ruhig, und behüten Sie es gut. Genau das werden wir machen.“

Diplom-Kreisarchivar Ulrich Biroth baut die Ausstellung auf. (Foto: Hendrik Klein/Märkischer Kreis)
Diplom-Kreisarchivar Ulrich Biroth baut die Ausstellung auf. (Foto: Hendrik Klein/Märkischer Kreis)

Unternehmer haben sich goldene Nase verdient

Biroth weiter: „Wir wollen nicht die große Politik von damals zeigen. Wir wollen dokumentieren, wie dieser Krieg die Heimat, das Leben vieler Familien hier beeinflusst hat.“ Das unterscheidet die Ausstellung im Altenaer Kreishaus von anderen, die derzeit anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Erster Weltkrieg“ gezeigt werden.

Es gab aber auch die andere Seite, davon zeugt die Ausstellung ebenfalls. „Einige heimische Firmen haben damals produziert wie doof. Die Unternehmer haben sich eine goldene Nase verdient.“ Sie stellten Kriegszubehör her, vom Kochgeschirr über Feldflaschen bis hin zu schweren Ketten. Dafür setzten sie auch massiv Kriegsgefangene ein, beispielsweise Russland-Polen, Belgier oder Holländer.“ Dies belegt der Eintrag einer Zehnjährigen aus Balve in ihrem Tagebuch: „Wir gehen jetzt zum Bahnhof, Russen gucken.“ Allein bei einer Altenaer Firma mussten 400 Kriegsgefangene schuften.

Geworben wurde für die kriegsrelevanten Produkte mit ganzseitigen Anzeigen auch in der Sonderausgabe „Deutsche Wehrmänner 1913“ der „Leipziger illustrierten Zeitung“. Die Kriegs-Propaganda gehörte zum Alltag. „Sie setzte schon im Kindergarten ein“, erklärt der 55-jährige Diplom-Archivar. Dokumentiert wird dies durch ein Kriegs-Bilderbuch. „Aufgemacht wie ein Comic-Heft heute, sollte es die Jungen auf den Krieg einschwören. Das setzte sich in der Schule fort.“

100 Jahre nach der Mobilmachung

Die Ausstellung lässt dennoch Fragen offen. Beispielsweise, wie viele der 17 Millionen Kriegsopfer aus dem Gebiet des heutigen Märkischen Kreises kamen. „Das ist leider nicht umfassend dokumentiert“, weiß Ulrich Biroth. Ergänzt und begleitet wird die Austellung von zahlreichen Vorträgen und einem Konzert. Wie heißt es im Vorwort der Ausstellung: „Als am 1. August 1914 mit der Mobilmachung auch im heutigen Märkischen Kreis der Erste Weltkrieg begann, glaubte ein Großteil der Bevölkerung fest daran, dass der Waffengang Weihnachten zu Ende sein würde.“ Ein Irrglaube, wie man heute weiß.

Geöffnet ist die Ausstellung bis zum 31. Oktober montags bis donnerstags von 10 bis 16.30 Uhr, freitags von 10 bis 15 Uhr, sowie an einigen Sonntagen von 14 bis 17 Uhr. Der Besuch der Ausstellung sowie der Vorträge ist kostenlos.