Wo, bitteschön, ist die Heimat?

Sie inszeniert „Verrücktes Blut“: Tina Geißinger. Mit dem wochenkurier sprach sie über das neue Projekt, über Integration und über Klischees. (Foto: privat)

Iserlohn. (as) Es ist ein Spiel im Spiel. Ein Theater im Theater. Oder besser: eine Theater-AG, die auf der Parktheaterbühne gespielt wird. „Verrücktes Blut“ heißt das Stück, das am Mittwoch, 13. Februar 2013, um 19 Uhr im Parktheater seine Tournee-Premiere erlebt. Worum es geht? Es geht um sieben Schülerinnen und Schüler, eine Rabaukentruppe, die sich selbst mit dem Wort Kanaken beschreibt, knutscht, randaliert und sich an Körperstellen kratzt, die hier nicht näher beschrieben werden sollen. Die Lehrerin erstickt im Frust. Unterricht in der Theater-AG? Wie denn? Doch plötzlich hält die Lehrerin eine Knarre in der Hand. Wer überleben will, muss Schillers „Räuber“ rezitieren, bis selbst das Wort „Vernunft“ nicht mehr wie „Vernumpft“ klingt.

2010 wurde „Verrücktes Blut“ uraufgeführt. Das war die Zeit, als Thilo Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ auf den Markt geworfen hatte. Und sich damit zum Rechtsaußen einer Debatte über eine Verdummung in deutschen Landen durch den Zuzug von Migranten aus muslimischen Ländern aufgeschwungen hatte. Irgendwie auch „verrücktes Blut“. Kein Wunder, dass das „Verrückte Blut“, damals in der Inszenierung von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, zum Stück des Jahres gekürt wurde.

In der Produktion des Euro-Studio Landgraf, die am Mittwoch in Iserlohn ihre Tournee-Premiere begeht, führt Tina Geißinger Regie. Der wochenkurier hatte die Möglichkeit, mit ihr über „Verrücktes Blut“ zu sprechen.

Eine streitbare Regisseurin

Die Regisseurin und Theaterpädagogin ist bekannt dafür, sich an politische und damit oft auch unbequeme Produktionen heranzuwagen. „ArbeitEnde: Gestern“ mit ehemaligen Beschäftigten der AEG gehört dazu, aber auch das Projekt „Mutwerk“ zum Thema Zivilcourage. Doch bisher war Tina Geißinger auf festen Bühnen, wie zum Beispiel dem Staatstheater Nürnberg engagiert.

Was reizt eine gestandene Regisseurin, mit „Verrücktes Blut“ auf Tournee zu gehen? Tina Geißinger lacht. „Das Stück“, sagt sie. „Ich war von Anfang an fasziniert von dem Stück. Das ist ein Stoff, den ich gerne selbst geschrieben hätte.“ In der Tournee mit dem Euro-Studio Landgraf sieht die Theaterpädagogin eine große Chance: „Wir bringen ein wichtiges, sozialpolitisches Stück auch in die kleineren Städte.“

„Verrücktes Blut“ ist für Tina Geißinger ein Stück, „an dem kein Theaterschaffender, der Augen und Ohren offen hat, vorbei kann“. Hier werden ganz entscheidende Fragen angeschnitten. Was heißt Deutschsein heute, ist nur eine davon. Es geht um Integration und um Integrationsverweigerung. Und um Klischees. „Das Stück spielt mit Klischees“, sagt Tina Geißinger. Mit Vorurteilen gegenüber jungen Menschen, die vielleicht nicht so aussehen, wie man sich gemeinhin Mitteleuropäer vorstellt. Wie deutsch sind sie?

Von Chancen und deren Ungleichheit

Tina Geißinger erzählt von ihrer Arbeit als Theaterpädagogin in Nürnberg-Süd. „Ich arbeite viel mit Migrantenkindern zusammen“, sagt sie. Und dort lernt sie die Vorurteile kennen. Wenn Kindern gesagt wird, sie sollen doch zurück in die Heimat gehen, fragt auch sie sich: Welche Heimat bitte? In die Heimat ihrer Groß- oder Urgroßeltern? In die Heimat, deren Sprache sie womöglich nur unzulänglich sprechen? Oder ist das deutsche Geburtsland ihrer Eltern gemeint?

Es geht um Chancen und die Chancenungleichheit: „Im Team haben wir viel diskutiert“, sagt Tina Geißinger. Eine Schauspiel-Kollegin habe bei einem Studentenjob in einem Callcenter immer einen deutschen und nicht ihren eigenen Namen Taneshia nennen sollen. Ein anderer Kollege habe erzählt, dass fremd klingende Namen bei Bewerbungen nicht die gleichen Chancen hätten wie ursprünglich deutsche Namen. Wundert’s jemanden, dass Integration nicht immer leicht ist, wenn Ausgrenzung Gang und Gäbe sind?

„Verrücktes Blut“, das hat Tina Geißinger ebenfalls aus dem Kollegenkreis gelernt, geht zurück auf einen türkischen Begriff. Jugendliche haben „verrücktes Blut“, wenn sie orientierungslos durch die Gesellschaft schwimmen, wenn sie zwischen den Stühlen sitzen und sich noch nicht für einen Lebensweg entschieden haben.

Schulbesuche auch in Iserlohn

Wie junge Menschen selbst über diese Thematik denken, erfährt Tina Geißinger auch in Iserlohn. In beinahe jeder Tournee-Station besucht die Theaterpädagogin Schulen. Sie arbeitet mit Jugendlichen. Auch in Iserlohn. Und auch hier wird sie versuchen, gemeinsam mit den jungen Leuten die Frage zu klären, welche Klischees wir vielleicht alle in unseren Köpfen mit uns herumtragen.

Tina Geißinger freut sich auf die Premiere in Iserlohn. Sie freut sich, ein „sehr dichtes, konzentriertes Schauspiel“ mit einem tollen Team entwickeln zu können. Was auf die Besucher zukommt. Keine Frage: „Ein Theaterfest“, sagt Tina Geißinger. „Der Abend wird nah an die Zuschauer herangehen. Es geht hier nicht unbedingt um Lehrer und Schüler, es geht vor allem um den Blick der Zuschauer auf alles.“ Auf das Spiel im Spiel. Auf das Theater im Theater. Auf ein Schauspiel, das neugierig macht, das erschreckt, zum Lachen bringt – und das niemanden unberührt lässt.