Wo bleibt Farbe für die Menschen?

Iserlohn. (as) Die Treppe zum Fritz-Kühn-Platz ist ein Treffpunkt. Tag für Tag sitzen und stehen hier Menschen, die es nicht gerade leicht haben in ihrem Leben. Zugegeben, es wird getrunken. Und hin und wieder ist jemand dabei, der auch andere berauschende Substanzen, die im Gegensatz zum Alkohol auf dem Index stehen, konsumiert. In jüngster Zeit ist die Treppe als Treffpunkt in Verruf gekommen. Spritzen seien auf Balkone geworfen worden, es sei zu Gewalt gekommen, es sei laut. Was ist dran an solchen Vorwürfen?

„Alles Quatsch“, sagen Gitte und Mandy (Namen von der Redaktion geändert). „Im Gegenteil: Wir halten hier alles in Ordnung.“ Zum Beweis winkelt Mandy den Arm an und zeigt auf den Bizeps. „Muskelkater“, sagt sie. „Hab die Treppe gefegt und unten in den Beeten die Steine zusammengelegt. Damit‘s wieder schön aussieht – auch für uns.“

Die Iserlohner Südstadt ist im Umbruch. Zurzeit wird der Fritz-Kühn-Platz mit seinen anliegenden Gebäuden fit gemacht für die Zukunft. Alles soll strahlen und blitzen. Da sind Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht, von Alkohol oder anderen Drogen abhängig sind, vielen ein Dorn im Auge. Es gibt Überlegungen, die Szene quasi umzusiedeln. Dorthin, wo man sie nicht mehr so oft sieht.

Uwe Browatzki, Quartierslotse in der südlichen Innenstadt, mahnt zur Gelassenheit: „Wir haben nichts davon, wenn wir hier einfach nur einen Stadtteil aufhübschen“, sagt er. Er fordert weitere Maßnahmen: „Wo bleibt die Farbe für die Menschen?“

Uwe Browatzki weiß aus eigener Erfahrungen, wie schwer es ist zurückzufinden, wenn das Leben einmal aus den Fugen geraten ist. Es braucht nicht viel, um auf der Straße zu landen.

Trennungen, Scheidungen, Krankheiten, Jobverlust, zerrüttete Familien – wer ein paar Wochen oder Monate zu lang den Kopf in den Sand steckt, hat verloren. Freunde, den Arbeitsplatz, vielleicht die Wohnung – auf jeden Fall das Selbstwertgefühl. „Wirkliche Armut“, sagt Uwe Browatzki, „lässt sich nicht über fehlendes Geld definieren.“ Die Armut, die dem Quartierslotsen Tag für Tag begegnet, sieht anders aus. Sie ist „arm an Hoffnung, arm an Moral und arm an Perspektiven“, sagt er. „Wenn es uns als Gesellschaft gelingt, auch für diese Menschen wieder Perspektiven zu schaffen, dann lösen sich viele Probleme ganz von allein.“

Perspektiven, das könnten Beschäftigungsmöglichkeiten sein. „Früher“, sagt Uwe Browatzki, „gab‘s Ein-Euro-Jobs.“ Seiner Ansicht nach haben diese Jobs durchaus funktioniert wie ein langsames Herantasten an einen geregelten Tagesablauf. An ein paar Stunden Arbeit. „Es nutzt nicht viel, 40-Stunden-Jobs anzubieten. Das ist so schnell nicht möglich“, sagt Uwe Browatzki.
Doch Ein- oder 1,50-Euro-Jobs gibt‘s nicht mehr. Das kann ein Problem für die Frauen und Männer sein, mit denen er arbeitet.

Viele Menschen hat Uwe Browatzki in den zweieinhalb Jahren, die er als Quartierslotse für die Caritas unterwegs ist, schon im so genannten Hilfesystem untergebracht. Es geschafft, dass sie Leistungen irgendwelcher Art bekommen. „Wir haben schon viele zur Entgiftung gebracht“, sagt er. „Drei Menschen haben den Start in ein neues Leben geschafft.“

Doch ohne diese kleinen Jobs ist es für viele Frauen und Männer mit gutem Willen fast unmöglich, tatsächlich durchzustarten: „Sie kommen aus der Entgiftung und stehen wieder vor dem Nichts.“

„Die wollen uns von der Treppe verjagen. Warum?“, fragt Gitte. „Wir treffen uns hier doch nur. Es geht ums Quatschen. Um soziale Kontakte. Hier gibt‘s keine Gewalt.“ Die Polizei sieht das ähnlich. Nur ein Vorfall ereignete sich in den vergangenen Monaten – und der wurde aufgeklärt. Ein Kriminalitätsschwerpunkt sieht irgendwie anders aus.

Findet Uwe Browatzki auch: „Wenn ich einen Menschen sehe, der sich zum Rechtsextremismus bekämpft, der aber gerade einem kleinen Afghanen einen Zauberwürfel erklärt, dann krieg ich Gänsehaut, dann geht mir die Pelle hoch“, sagt er.

„Menschen“, sagt er, „können angepöbelt oder bestraft werden. Aber was bringt‘s. Wir haben die Menschen hier und müssen das akzeptieren.“ Verjagen jedenfalls sei keine Lösung.