Wut ohne Worte

Iserlohn. (clau) „Ich habe nur noch den einen Wunsch“, sagt die dreifache Mutter Teresa De Nardo, „dass Arianna endlich sprechen kann.“ Ob ihre vierjährige Jüngste das jemals können wird, steht aber in den Sternen. Arianna ist Autistin. Diese Krankheit bedeutet ein Martyrium für sie selbst und ihre ganze Familie. Soeben hat ihre Mutter eine Selbsthilfegruppe gegründet, um im Austausch mit anderen Betroffenen Halt zu finden.

Sie scheint einfach eine niedliche Vierjährige zu sein. Aber die kleine Arianna leidet schwer an frühkindlichem Autismus. Nur mit Hilfe ihrer Mappe voller laminierter Fotos kann sie sich neuerdings ihrer Familie ein wenig mitteilen. (Foto: privat)

„Zum ersten Treffen am Freitag letzter Woche kamen Mütter und Väter aus insgesamt zehn Familien“, berichtet die Letmatherin.

Ihre Arianna hatte vielleicht Glück im Unglück. Bei ihr wurde der Autismus sehr früh erkannt. Ihre Mutter berichtet: „Sie war in ihrer motorischen Entwicklung zurück. Sie kratzte oft merkwürdig monoton an Oberflächen oder haute endlos mit den Händen auf die gleiche Stelle. Das kam uns komisch vor. Mit elf Monaten hörte sie plötzlich auch nicht mehr auf ihren Namen, drehte sich nicht mehr um, reagierte nicht, und nahm keinen Blickkontakt mehr auf.“

Ein langer, zermürbender Weg

Sofort suchte Arzthelferin Teresa De Nardo den Kinderarzt auf. Dann begann für die Familie ein langer, zermürbender Weg, bis endlich die Diagnose „Autismus“ feststand und damit der Weg zu gezielten Therapien frei wurde.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass mir wertvolle Zeit davonläuft“, sagt die Mutter im Rückblick auf Monate voller Ungeduld und Verzweiflung. Seit einem Jahr wird Arianna nun dienstags im Autismus-Zentrum in Dortmund behandelt. Donnerstags steht Ergotherapie auf ihrem Stundenplan, freitags Sprachtherapie – beides in Schwerte.

Schritt für Schritt

„Arianna macht große Fortschritte. Sie nimmt Blickkontakt auf und versteht uns jetzt immer öfter“, Teresa De Nardo ist den vielen Therapeuten ihrer kleinen Tochter, die eng zusammenarbeiten, zutiefst dankbar für jeden noch so kleinen Schritt, den Arianna aus ihrem inneren Gefängnis machen kann.

„Sie versteht, wenn ich ihr sage ‚Warte‘ oder ‚Bleib‘“, schildert Teresa De Nardo die Situation. „Aber ich muss das mit eindeutigen Gesten verbinden und es vor allem mindestens zehn Mal sagen.“

Fotos statt Worte

Absolut bewährt hat sich ein Kärtchen-System: Ariannas Mappe. Darin sind mit Kreppband laminierte Fotos befestigt, die Teresa De Nardo von all den Dingen macht, die für ihre Jüngste wichtig sind. Arianna kann die Wörter nicht sagen. Wenn sie mit ihrer Kugelbahn spielen oder Gummibärchen haben möchte, zeigt sie die entsprechenden Kärtchen.

Auf diesem schmalen „Pfad“ teilt sich die Vierjährige ihrer Umwelt mit. Vereinfachte Symbole aber würde sie dagegen nicht verstehen können.

Frust, Wut und Schmerz

Seit einigen Wochen besucht Arianna einen integrativen Kindergarten. Dort macht sie sich prima, fühlt sich wohl und kann sogar allein mit der Gabel essen, was zuhause noch undenkbar wäre. Was sich dann aber nachmittags zuhause abspielt, reibt die Kräfte der Mutter auf. „Im Kindergarten ist Arianna tapfer und frisst wohl alles in sich hinein. Aber sie leidet darunter, dass sie nicht kommunizieren kann. Zuhause entlädt sich ihr ganzer Frust.“

Bis zu 45 Minuten dauern derzeit die Wutanfälle der Vierjährigen an. „Sie hat unglaubliche Kräfte“, so die Mutter. „Ihre Anfälle sind mit Wutanfällen von normalen Vierjährigen gar nicht zu vergleichen. Arianna nimmt die Wohnung auseinander, reißt alles runter, haut ihren Kopf vor die Wände, schlägt nur um sich und schreit ununterbrochen. So geht es nun auch samstags und sonntags, weil sie nicht versteht, dass Wochenende ist und es nicht losgeht zum Kindergarten.“

Zuhause ist ihre Mutter nur für Arianna da, hat keine Minute Ruhe und sitzt auch oft noch nachts am Bett des Kindes, wenn es unruhig ist und nicht schlafen kann. „Meine beiden älteren Kinder und auch mein Mann machen viel mit“, sagt die dreifache Mutter. „Aber sie wachsen auch daran und trösten mich oft, wenn ich nur noch weinen kann.“

Spießrutenlauf

Wie ein Spießrutenlauf ist jeder Gang in die Öffentlichkeit – etwa zum Einkaufen. „Arianna quiekt dann pausenlos, reißt an Sachen herum oder schmeißt auch etwas um. Die Leute erwarten, dass ich mit ihr schimpfe und ermahnen mich dazu“, Teresa De Nardo ringt um Fassung. „Die verstehen nicht, dass sie krank ist, weil sie aussieht wie eine ganz normale, niedliche Vierjährige. Schimpfen darf man mit ihr aber gar nicht, dann würde es nur noch viel schlimmer werden. Ich muss so ruhig wie nur möglich bleiben.“

Neuerdings hat Teresa De Nardo Kärtchen dabei, die kurz erläutern was Autismus ist. Die verteilt sie, wenn wieder einmal jemand meint, Arianna sei schlecht erzogen.

Die Selbsthilfegruppe

Bis fast Mitternacht haben die Teilnehmer der ersten Runde der neuen Selbsthilfegruppe „Frühkindlicher Autismus“ am ersten Abend ihre Geschichten ausgetauscht und sich ein anfängliches Bild voneinander gemacht. Jeden 2. Freitag im Monat um 20 Uhr will man sich nun treffen in den Räumen der St.-Kilian-Gemeinde in der Dechant-Heimann-Straße 1 in Letmathe. Beim nächsten Termin am 26. Oktober 2012 wird Teresa De Nardo von der zweiwöchigen Delphin-Therapie berichten, zu der sie am 6. Oktober voller Hoffnung mit Arianna aufbricht.

Kontakt zur Familie De Nardo gibt es unter Telefon 02374/ 914-397 oder per E-Mail an teresa75@t-online.de.