Zehen beißen statt Kamelle werfen

Würste sammeln - eine von vielen (fast) vergessenen Karnevalssitten

Iserlohn. (lwl) Rosenmontag ist heute der Tag der großen Umzüge, der Motto-Wagen und der farbenprächtigen Kostüme – die Karnevalsumzüge sind am Rosenmontag auf allen Fernsehkanälen unangefochten das Thema Nummer Eins. „Bei dieser Vorherrschaft des Prinzen Karneval ist fast in Vergessenheit geraten, dass früher mancherorts an diesem Tag auf ganz andere Weise gefeiert wurde: In einigen Gebieten Westfalens hatten sich zur Fastnacht eigene regionaltypische Bräuche herausgebildet – zum Beispiel im Hochsauerland, das seit jeher ausgesprochene Fastnachtshochburg war“, sagt Peter Höher von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Lange Zeit unbekannt

Die Bezeichnung „Rosenmontag“ war dort lange Zeit unbekannt, und Karnevalsumzüge wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg populär. Stattdessen gab es einen skurril anmutenden, den „närrischen Tagen“ durchaus angemessenen Brauch: „Am Fastnachtmontag hatten nämlich im Hochsauerland die Frauen gewisse Vorrechte, und die nutzten sie weidlich aus. In Gruppen streiften sie durch Haus, Hof und Gassen und versuchten eines Mannes, der mehr oder weniger zufällig in der Nähe war, habhaft zu werden. War das gelungen, so hielten sie ihn fest, zogen ihm die Schuhe auf und – bissen ihn in den großen Zeh“, erklärt Höher den närrischen Brauch.

Männerjagd

Das war natürlich nicht so einfach, denn welcher der meist jungen Männer wollte sich so einfach einfangen lassen? Und wer gab schon freiwillig seine Schuhe her? „So begann, wohl auch durch Alkohol befeuert, ein wildes Jagen, ein Handgemenge und eine Balgerei – dieses ‚Vorspiel‘ wird nicht weniger wichtig als das Zehenbeißen selbst gewesen sein, denn eine gewisse erotische Komponente war dem Ganzen nicht abzusprechen“, berichtet Höher. „Im Übrigen galt es durchaus als Auszeichnung und keineswegs als Kränkung, wenn man als „Opfer“ ausersehen wurde. Junge, unverheiratete Männer scheinen bevorzugtes Ziel einer solchen ‚Weiberjagd‘ gewesen zu sein. Ein junger Mann, der dabei links liegengelassen wurde, musste sich so seine Gedanken machen.“

Würste sammeln

Am Fastnachtsdienstag gingen dann die jungen Burschen von Haus zu Haus, um Würste zu sammeln und einen Schnaps zu erbitten. Bei dieser Gelegenheit ging das Spiel von vorn los – nun mit umgekehrten Rollen: Die Männer und Burschen wollten „Rache“ nehmen und den Frauen und Mädchen heimzahlen, was ihnen tags zuvor widerfahren war. Bei älteren Herrschaften oder „bessergestellten“ Personen ging man übrigens etwas weniger ungestüm zu Sache. Wie Augenzeugen berichten, verzichtete man auf das Zehenbeißen und begnügte sich damit, ihnen eher symbolisch mit einem Tannenzapfen oder einen Strohwisch über die Schienbeine zu reiben.

Makel für das Sauerland?

Diese „bessergestellten Personen“ waren es, die sich seit den 1860er Jahren über diesen Fastnachtsbrauch empörten und seine Abschaffung forderten. Die Geistlichen wetterten von der Kanzel und die Lehrer schärften es ihren Schülern ein: Das Zehenbeißen sei roh, unsittlich und unhygienisch – kurzum: ein Makel für das Sauerland. Das „einfache Volk“ war offensichtlich anderer Meinung, denn jedes Jahr am Fastnachtsmontag ging das Spiel wieder los. „Nach einiger Zeit empfand man den Fastnachtsbrauch plötzlich als peinlich – als Hinterwäldler wollte man nicht angesehen werden“, so Höher. Auch wenn das Zehenbeißen in einigen Orten nachweislich noch in den Jahren zwischen den Weltkriegen praktiziert wurde, stritten in den 1950er Jahren bei einer Umfrage einige ältere Sauerländer rundweg ab, dass es diesen Brauch wirklich gegeben habe.