Zehn Jahre „pro familia“

Diplom Sozialpädagoge Holger Erb blickt auf zehn Jahre „pro familia“-Beratung in Iserlohn zurück. Der Bedarf steigt ständig – und zwar in allen Altersstufen von den Jugendlichen bis zu den Senioren. (Foto: Claudia Eckhoff)

Diplom Sozialpädagoge Holger Erb blickt auf zehn Jahre „pro familia“-Beratung in Iserlohn zurück. Der Bedarf steigt ständig – und zwar in allen Altersstufen von den Jugendlichen bis zu den Senioren. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Simone und Achim haben ihre Silberhochzeit schon längst hinter sich. Damit gehören sie nicht gerade zu dem Kreis von Ratsuchenden, die man gewöhnlich in einer „pro familia“-Beratungsstelle vermuten würde. Das Konzept „pro familia“ steht in den Köpfen vieler Zeitgenossen immer noch für Aufklärung, für Infos zum Thema Verhütung oder eben – ganz klassisch – Schwangerschaftskonfliktberatung, Sexualpädagogik für junge Menschen.

Diplom-Sozialpädagoge Holger Erb und das ganze Team in der „pro familia“-Beratungsstelle Märkischer Kreis unter dem Dach der Paritätischen kennen jedoch viele ähnliche Fälle wie den von Simone und Achim. Die beiden hatten eine gute Ehe geführt, bis Simone einmal durch Krankheit, beim zweiten Mal durch einen Unfall in Todesgefahr geriet. Das hat sie verändert. Ihr neuer kompromissloser und fordernder Lebenshunger verstört ihren Mann. Er kommt nicht mehr mit, zieht sich in sich selbst zurück, lässt sie auflaufen. Und Simone? Sie hat alles versucht, ihn mitzureißen oder wenigstens im Gespräch mit ihm zu bleiben. Zuletzt hat sie sich in eine Affäre gestürzt. Nun stehen die beiden entsetzt vor den Trümmern ihrer Ehe – und suchen Rat.
Bis ins hohe Alter
„Zu uns kommen Menschen aller Altersstufen vom Jugendlichen bis zu den Senioren“, berichtet Holger Erb. „Junge Leute kommen zur Paar- und Sexualberatung. Schwangerschaftsberatungen benötigen Menschen bis etwa 35 Jahre. Aber auch Menschen um die 80 Jahre brauchen unseren Rat, etwa weil sich das Sexualverhalten eines der beiden durch beispielsweise eine Demenzerkrankung dramatisch verändert hat.“
Oft sind es medizinische Fragen, die geklärt werden müssen. „Ob eine durch die Wechseljahre veränderte Sexualität oder eine ärztliche Diagnose, zu der man einfach eine zweite Meinung einholen möchte, bei uns in der Beratungsstelle gibt es Hilfe“, sagt Holger Erb. „Natürlich stehen wir unter Schweigepflicht und es ist sogar möglich, sich anonym beraten zu lassen.“
Seit genau zehn Jahren gibt es die Beratungsstelle in Iserlohn. Der Bedarf steigt immer mehr. Im vergangenen Jahr wurden am Theodor-Heuss-Ring 2 insgesamt 724 Beratungen durchgeführt.
Auf dem Couchtisch in Holger Erbs Besprechungsraum steht eine Schachtel mit Taschentüchern. „Ja, hier wird auch viel geweint. Es geht oft um Konflikte, um Enttäuschungen, um verletzte Gefühle, um zerplatze Träume und den Abschied von Idealen oder sogar von Menschen“, weiß Holger Erb.
Eltern werden
Doch zunächst Erfreuliches: Nichts verändert das Leben so sehr wie die Ankunft eines Kindes. Da hilft die Beratungsstelle von „pro familia“ den Eltern durch den Dschungel an Formalitäten. Mutterschutz, Elterngeld, Elternzeit – alles das muss aufwändig beantragt werden. Da ist professionelle Hilfe viel wert.
Ein Kind erweitert und verändert die Paarbeziehung in einer Weise, die sich die Eltern zuvor nicht haben vorstellen können. Oft leidet die Partnerschaft, es kommt zu krisenhaften Situationen. Aber die Partner nehmen Rücksicht, versuchen durchzuhalten. Doch unter der Oberfläche schwelt es weiter.
Gute Lösungen finden
„Die wirkliche Krise kommt oft erst Jahre später“, weiß Holger Erb. „Es ist aber gut, sich frühzeitig auseinanderzusetzen und sich früh Hilfe zu holen, statt zu warten, bis am Ende eine ernsthafte Trennung im Raum steht. Mit meinem Auto begebe ich mich doch auch gleich in die Werkstatt, statt immer weiter zu fahren, bis der Motor kaputt ist.“
Und wenn doch nichts mehr zu kitten und retten ist, kann das „pro familia“-Team immer noch helfen, dass es eine saubere Trennung wird mit vernünftigen Lösungen für die Kinder.
Das neue Mediations-Angebot mit einer speziell ausgebildeten Fachkraft verhilft dazu, selbst bei getrennter Lebensführung die Elternschaft weiter sinnvoll gemeinsam zu gestalten. „Es gelingt uns oft, zwischen den Menschen auch Neues entstehen zu lassen“, sagt Holger Erb im Rückblick auf das erste Jahrzehnt der Iserlohner Beratungsstelle.