Zurück in der Schule

Die Zeiten waren auch für die Unterprima 1952 noch „verrückt“. Ein Jahr später verließ Ernst Alberts (Zweiter von links) mit bestandenem Abitur die „Oberschule für Jungen des Amtes Hemer“. Allmählich kehrte in Deutschland Normalität ein und die Jungen zogen hinaus ins Leben. (Foto: privat)

Hemer. (clau) Seit zehn Wochen veröffentlicht der wochenkurier auszugsweise die Erinnerungen des Hemeraners Ernst Alberts. Der heute 80-Jährige wuchs als zweiter Sohn des Müllers auf der Sundwiger Mühle auf. Unter dem Titel „Aus verrückter Zeit“ hat er aufgeschrieben, wie er als Kind die Jahre von 1939 bis 1953 erlebt hat. Heute folgt nun der letzte Teil seiner Aufzeichnungen.

Im zweiten Halbjahr des so ereignisreichen Jahres 1945 hatten die Volksschulen wieder mit dem Unterricht begonnen. Die Oberschule nahm erst im April 1946 den Schulbetrieb auf.

„In unserer Klasse fanden sich um die 55 Schülerinnen und Schüler ein“, berichtet Ernst Alberts. „Darunter waren nun viele neue Gesichter: Kinder aus Flüchtlingsfamilien.“

Wieder Schule – aber wie?

Weil die meisten jungen Lehrer noch in Kriegsgefangenschaft waren, bestand das Lehrerkollegium aus einigen Frauen und überwiegend älteren Lehrern. Lehrer, die schon während der Nazi-Zeit unterrichtet hatten, mussten sich nun einer Gesinnungsprüfung unterziehen. Wer „entnazifiziert“ wurde, durfte wieder vor einer Klasse stehen.

Der Schulraum war beengt und übervoll. Die bisherigen Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien für Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Biologie waren so vom Nazi-Geist durchdrungen, dass sie nicht weiter verwendet werden durften. Nur Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften konnten ihre Lerninhalte im Wesentlichen beibehalten.

„Die alten Schulbücher durften wir nicht mehr benutzen,“ sagt Ernst Alberts. „Es gab auch keine Hefte, Schreibmaterial war knapp. Die Lehrer diktierten also den Stoff. Wir schrieben mit Bleistiftstummeln auf lose Blätter. Es wurden sogar die weißen Ränder der Zeitungen abgeschnitten und dann zu Blättern zusammengeklebt.“

Heimkehrer

Nur langsam besserte sich die Lage im täglichen Leben. Vereinzelt kamen nun in Hemer erste Transporte mit aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassenen deutschen Soldaten an. Auch sie waren in erbärmlicher Verfassung und ähnelten darin den russischen Kriegsgefangenen bei der Befreiung des Hemeraner STALAG.

Hilfe gegen den quälenden Hunger kam aus den USA. Die amerikanischen Quäker, eine christliche Sekte, spendeten von 1946 bis 1948 die sogenannte Schulspeisung – kleine, aber nahrhafte Mahlzeiten.

Schulspeisung

Ernst Alberts sieht es noch vor sich: „In großen Kesseln, die im Schulkeller standen, erhitzte das Hausmeisterehepaar Schröder Suppen, Eintöpfe oder süße Breispeisen mit Rosinen, die dann mit einer übergroßen Suppenkelle in die mitgebrachten Kochgeschirre der Kinder gefüllt wurden. Froh war, wer einen ,Nachschlag‘ noch für die Angehörigen mit nach Hause nehmen konnte.“

Ernst Alberts selbst bekam nichts davon ab. Als „Selbstversorger“ mit Mühle und Bauernhof zählten die Alberts nicht zu den Bedürftigen.

Der Wahnsinn endet

Mangelwirtschaft, Schwarzmarkt, Zigaretten als Zahlungsmittel, Wohnungsnot, Heimkehrer und Verschollene – so gingen die Jahre dahin. Erst nach 1950 kehrte in Deutschland weitgehend Normalität ein.

Ernst Alberts bestand im März 1953 seine Abiturprüfung, obwohl er sich nach dem Unterricht weitaus mehr mit seiner Konzertflöte, der Leichtathletik oder dem Handball beschäftigt hatte, als mit seinen Büchern. „Ich war eben der Zweite“, sagt er. „Ich war der Unducht und hatte immer Blödsinn im Kopf.“

Eine Banklehre hat er gemacht, war Bilanzbuchhalter in einem Industrieunternehmen, studierte später im Fernstudium Betriebswirtschaft, wurde kaufmännischer Geschäftsführer eines großen Bauunternehmens. Seit 53 Jahren ist er nun verheiratet, hat mit seiner Frau zwei Söhne großgezogen und immer in seiner Heimatstadt Hemer gewohnt.

Seine Aufzeichnungen hat er im Jahr 2007 gemacht für ein geplantes Jahrbuch des Friedrich-Leopold-Woeste-Gymnasiums.

Dieses ist aber nie erschienen.

Geprägt

Abschließend sagt Ernst Alberts dazu: „Ich habe im Vergleich zu einem großen Teil meiner etwa gleich alten Zeitgenossen eigentlich nur wenig erlebt. Andere mussten Vertreibung, Angst und Hunger ertragen. In fast allen Familien herrschte Angst oder Trauer um Angehörige, Gefallene oder Vermisste. Noch viel schlimmer dran waren die Juden, aber auch Kinder von Regimegegnern oder Kriegsdienstverweigerern. Dagegen bin ich behütet aufgewachsen. Und doch zeigt sich, dass selbst solche vom Schicksal geschonte Jugendliche wie ich in dieser ,verrückten Zeit‘ durch außergewöhnliche Erlebnisse tief geprägt wurden.“

Hiermit endet unsere Serie.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule