Aufstieg in St. Viktors „Oberstübchen“

Schwerte. (NO) Der Weg zu Freude, Gerechtigkeit und Frieden ist kein Spaziergang. Eng ist es, eiskalt und düster. Kein wirkliches Vergnügen, an einem grauen Wintertag ins „Oberstübchen“ von St. Viktor aufzusteigen – wo die drei Hauptglocken hängen und auf ihren klangvollen Einsatz warten.

Termin beim Küster

Die katholische St. Viktor-Kirche am Marktplatz – die ältesten Teile stammen aus der Zeit um 1150 – macht schon seit Jahrhunderten trotz (oder wegen?) des schiefen Turms eine gute Figur als Wahrzeichen der Stadt. Das Gotteshaus birgt Kunstschätze aus mehreren Jahrhunderten wie die Kanzel von 1666, Fresken, Reliquien, Kreuze und nicht zuletzt den vergoldeten Antwerpener Schnitzaltar aus dem Jahre 1523.

Vergleichsweise profan kommt neben dieser Parade der Kostbarkeiten das Geläut daher. Das kann man – im Gegensatz zu den echten Kirchenschätzen – aber nur in Augenschein nehmen, wenn man einen Termin mit dem Küster Alexander Specht hat. Mit ihm geht’s hinauf in den Turm.

Immer rundherum

Der Schlüssel dreht sich im Schloss und es öffnet sich eine kleine, unauffällige Tür auf der rechten Innenseite des Kirchenschiffs. Wer in den Turm will, muss sich im schummerigen Licht zunächst eine eng gewundene, steinerne Wendeltreppe hinaufquälen, deren Stufen dem durchschnittlichen Fuß nur am äußersten Rand eine gerade ausreichende Trittfläche bieten. Eng ist es hier, so eng, dass manchem Aufwärtsstrebenden klaustrophobische Beklemmung überkommt.

„Ebene 1“

Nach 92 Steinstufen gelangt man endlich in den unteren Bereich des Turms, ein quadratisches, ebenfalls reichlich schummeriges „Kabuff“, von dem aus eine wenig Vertrauen erweckende, luftige Holztreppe auf die nächsthöhere Ebene führt. Noch eine Holztreppe hoch, und schon ist man im Reiche von Freude, Gerechtigkeit und Friede: So heißen, der Größe nach geordnet, die drei Hauptglocken von St. Viktor.

Im Geläut

Im oberen Teil des Steinturms auf einer Höhe von rund 30 Metern befindet sich das Glockengestühl, erkennbar an den Schallluken. (Foto: NO)

Richtig Platz haben hier in etwa 30 Metern Höhe eigentlich nur die Glocken, die tragenden Stahlstreben lassen ringsum nur wenig Spielraum. Grau und massiv warten die 1920 gegossenen Klangkörper auf ihren Einsatz. Durch acht Schallluken, die erst im Sommer dieses Jahres mit neuen Lamellen versehen worden sind, verbreitet sich ihr Klang in den Luftraum der Ruhrstadt. Vom Glockengestühl aus geht es nur noch mit Leitern weiter hinauf in den schiefen Turm, der im Ganzen, ohne Kugel und Kreuz, 63 Meter hoch ist. Das muss aber nicht sein.

Wem die Stunde schlägt

Der Viertelstundenschlag wird jeweils ausgeführt von der „Freude“, der kleinsten Glocke. Außerdem läutet sie morgens um 7 Uhr, mittags um 12 und abends um 19 Uhr für drei bis fünf Minuten. Alle drei Glocken erklingen samstags und an Wochentagen vor kirchlichen Feiertagen um 19 Uhr für zehn Minuten. An Sonn- und Feiertagen läuten eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn „Freude“ und „Gerechtigkeit“ für fünf Minuten, und zu Gottesdienst, Verkündigung und Gebet erklingen alle Drei gleichzeitig. Gemeinsam erschallt der Klang des Glockentrios auch zu Silvester punkt 24 Uhr für 15 Minuten. Die drei Hauptglocken von St. Viktor sind in guter ökumenischer Weise abgestimmt mit dem Geläut von St. Marien.

Weitere Glocken

Von außen gut sichtbar an einem kastenförmigen Anbau am schiefen Turm befindet sich die alte Sturmglocke. Diese Außenglocke von 1523 führt den Stundenschlag aus – und ist eine der ältesten Glocken in Westfalen.

Vaterunser

Die Vaterunser-Glocke im Dachreiter über dem Chorraum der Kirche verbindet St. Viktor mit der europäischen Eisenbahngeschichte und dem ehemaligen Eisenbahn-Ausbesserungswerk, in dem sich während des zweiten Weltkriegs die KZ-Nebenstelle von Buchenwald befand. Die Glocke einer belgischen Dampflokomotive aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts läutet bei Gottesdienst und Gebet zu den Bitten des Vaterunsers. Diese kleine Glocke wurde vom EAW Schwerte-Ost an die St. Viktor-Kirche übergeben.

Wenn jetzt zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel die Glocken von St. Viktor ertönen, mag man sich ins Bewusstsein rufen, wovon sie künden: von Freude, Gerechtigkeit und Frieden.