Bis Friede einkehrt

Schwerte. (NO) Sterben – kein Tabu-Thema für Antje Drescher. Die Gründerin und ehrenamtliche Geschäftsführerin des seit nunmehr 25 Jahren bestehenden Vereins „Die Brücke, Sterbe- und Trauerbegleitung Schwerte e.V.“ ist an der Begleitung Sterbender gewachsen. In früheren Jahren nicht sonderlich religiös, hat sie „einen tiefen Glauben gewonnen. Man wird ein anderer Mensch“. Ihre erste Sterbebegleitung nennt die 67-Jährige einen „Glücksfall“.

Mit ganzer Kraft

Ihren Aufgaben widmete sich die gebürtige Hamburgerin immer mit ganzer Kraft. Zunächst als Sportlerin: Mit dem ETV Hamburg wurde sie zwei Mal Deutscher Meister um Großfeld- und Hallenhandball, spielte im Europacup, in etlichen Auswahlmannschaften und – seit 1965 in Schwerte ansässig – von 1966 bis 1978 beim BVB Dortmund. Nachdem sie noch zwei Jahre in Schwerte gespielt hatte, nahm sie 1981 ihren Abschied vom Sport. Um sich anschließend ebenfalls mit vollem Einsatz ihrer Familie und den drei Kindern zu widmen.

Schlüsselerlebnis

Nach einer ausgeheilten Herzkrankheit machte Antje Drescher ihre erste Erfahrung mit der Sterbebegleitung. Schlüsselerlebnis war der Tod ihrer krebskranken Freundin, der sie half, mit zu Hause in vertrauter Umgebung zu sterben. „Freunde und Nachbarn waren für die Pflege zuständig, ich fürs Herz“, so die 67-Jährige. Und erinnert sich, dass damals Geriatrie und Palliativmedizin noch nahezu unbekannte Begriffe waren. „Man stand ganz unvorbereitet vor den Sterbenden“.

Vor 25 Jahren hat Antje Drescher den Verein „Die Brücke, Sterbe- und Trauerbegleitung Schwerte e.V.“ als Nachfolgeorganisation der Regionalgruppe von „Omega“ gegründet. Seitdem stand sie vielen Sterbenden bis zum Ende ihres Weges zur Seite. (Foto: Norbert Fendler)

Von Omega zur Brücke

Mit großem Engagement war Antje Drescher dabei, als sich Menschen im Verein Omega zusammenfanden, um sterbende und trauernde Menschen zu begleiten. Als Mitglied des Bundesvereins hat sie nicht nur in Schwerte Pionierarbeit geleistet, sondern war auch an der Gründung und am Aufbau aller Regionalgruppen beteiligt. Eine der beiden Zentralen von Omega war schon damals in Schwerte angesiedelt.

Im Oktober 1986 kam im Evangelischen Krankenhaus – wo sich heute das Geschäftszimmer der „Brücke“ befindet – unter dem Motto „Sterben zuhause“ in Kreis von rund 40 Personen zusammen. „Es war ein berührender Abend voller menschlicher Nähe, Erfahrungen und Lebensgeschichten wurden ausgetauscht und allen war klar, dass es Zeit ist, dem Sterben einen Raum zu geben“, erinnert sich Antje Drescher. Vor 25 Jahren schließlich gründete Antje Drescher nach der Trennung von Omega den Schwerter Verein „Die Brücke“ – und ist bis heute dessen Seele.

„Ein Glücksfall“

1987 wurde Antje Drescher zum ersten Mal „offiziell“ im Evangelischen Krankenhaus als Sterbebegleiterin aktiv – und leistete einem krebskranken Mann Anfang 60 Beistand.. „Die Kontaktaufnahme war etwas kurios, und ich war auch recht nervös“, erinnert sich gute Seele der „Brücke“ schmunzelnd an ihren ersten Einsatz. „Ich sagte meinem Patienten: ,Ich will mit ihnen die Nacht verbringen!‘, und der antwortete unter Gelächter: ,Na, dann kommense mal rein!‘“

Freundschaft auf Zeit

Die Begleitung des Krebskranken wurde eine Freundschaft auf Zeit – so wie sie in ähnlichen Fällen auch später immer wieder enstehen sollte. „Große Nähe entsteht, Vertrautheit, ja Intimität, auch zu den Angehörigen. Und ich stellte fest: Man bekommt viel mehr zurück als man gibt.“ Besonders gern erinnert sich Antje Drescher an ein spezielles „Dankeschön“ des Sterbenden: „Eines Abends stand da im Zimmer ein bequemer Sessel mit einer Wolldecke und auf einem Tisch Bier, ein Piccolo und Pralinen. Ich war sehr gerührt…“ Der Krebskranke starb schließlich, doch Antje Drescher war nicht dabei. Dennoch: Den Weg mit ihm ist sie so weit wie möglich gegangen.

Friede am Ende

„Es ist nicht immer möglich, die Sterbenden bis zu letzten Atemzug zu begleiten, schließlich müssen wir zwischendurch auch mal eigene Angelegenheiten erledigen“, erklärt Antje Drescher. „Aber auch den Tod mitzuerleben, ist gar keine schreckliche Erfahrung, sondern eben das Ende des Weges hier auf der Erde. Oft ist die Sterbeerfahrung regelrecht tröstlich – und am Schluss kehrt Friede ein…“

Netzwerk

In Schwerte hat sich nicht zuletzt auch durch das Engagement von Antje Drescher ein Netzwerk in der Sterbebegleitung entwickelt, in dem „Die Brücke“, das Schwerter Hospiz, Einrichtungen der Altenpflege und das Evangelische Krankenhaus mit dem Schwerpunkt in der Geriatrie im Sinne sterbender Menschen und ihrer Angehörigen zusammenarbeiten. Die erfolgreiche Kooperation bringt Antje Drescher auf den Punkt: „In Schwerte lässt es sich mittlerweile gut sterben!“

Kontakt

Über ehrenamtliche Mitwirkende würde sich die „Brücke“ freuen. Interessierte melden sich bei Antje Drescher unter Tel. 0 23 04 / 4 31 23.