Ein Blick ins Schwerter Flüchtlingsheim

Schwerte. (NO) Ortstermin im Flüchtlingsheim am Ernst-Gremler-Weg. Für großen Wirbel hatte vor vier Wochen die Entscheidung der Stadt Schwerte gesorgt, Asylbewerber vorübergehend in der alten Baracke auf dem ehemaligen Gelände des Eisenbahn-Ausbesserungswegs (EAW) unterzubringen. Bei der Besichtigung am Donnerstag wurde deshalb nochmals klargestellt, das Schwerte keineswegs Flüchtlinge in einer KZ-Baracke unterbringt, wie zahlreiche Medien im In- und Ausland der Stadt unterstellten. Das Gebäude gehörte nicht zur KZ-Außenstelle Buchenwald und wurde überhaupt erst nach Kriegsende gebaut, betonten Verwaltung und Arbeitskreis Asyl.

Geschichte: ganz egal

„Den jungen Männern, die hier untergekommen sind, ist der geschichtliche Hintergrund ohnehin egal, sie sind damit auch nicht vertraut“, so Hans-Bernd Marks, Vorsitzender des AK Asyl, für den die Betreuung der Zugereisten Priorität hat.

Das Übergangsheim an der Ernst-Gremler-Straße ist mit 21 jungen Männern verschiedener Nationen belegt, die zum Großteil bereits mehrere Jahre in einer anderen Unterkunft gelebt haben und in elf Zimmern untergebracht sind. Das Gebäude macht einen eher nüchternen Eindruck. Von den Bewohnern sind beim Ortstermin nur zwei anwesend, haben verständlicherweise aber kein Interesse daran, sich „vorführen“ zu lassen.

Eher einen nüchteren Eindruck vermittelt der Blick ins Flüchtlingsheim. (Foto: NO)
Eher einen nüchteren Eindruck vermittelt der Blick ins Flüchtlingsheim. (Foto: NO)

Keine Gemeinschaft

„Eine Hausgemeinschaft entsteht hier nicht, dazu sind die kulturellen Hintergründe zu verschieden, und die Männer haben, bis auf wenige Ausnahmen, keine gemeinsamen Interessen“, so Hans-Bernd Marks. Gleichwohl muss man sich um sie kümmern – und diese Aufgabe hat auch in Schwerte-Ost der AK Asyl übernommen. Aktive haben bereits gebrauchte Fahrräder herangeschafft, für Satellitenempfang gesorgt. Auch ein Putzplan muss her, auch wenn die jungen Männer eher anderes im Kopf haben.

Massenhafter Zuzug

Dem Ortstermin am Ernst-Gremler-Weg voraus ging ein Pressegespräch im Rathaus, bei dem Bürgermeister Heinrich Böckelühr, Erster Beigeordneter Hans-Georg Winkler und Fachdienstleiterin Charlotte Schneevoigt über die aktuelle Situation zur Unterbringung von Flüchtlingen in Schwerte informierten (mehr weiter unten auf dieser Seite).

Die Situation bleibt schwierig und sie wird sich noch verschärfen. Heinrich Böckelühr: „Innenminister Ralf Jäger hat am Mittwoch einen Eilbrief an alle NRW-Kommunen verschickt, wonach in den nächsten Tagen und Wochen weitere Unterkünfte für mehrere tausend Flüchtlinge in NRW her müssen.“ Dabei kommen die wenigsten Menschen aus Kriegsgebieten wie Syrien. Der massenhafte Zuzug erfolgt aus dem Westbalkan, vor allem aus dem Kosovo.

Blick in einen der zwei Küchenräume. (Foto: NO)
Blick in einen der zwei Küchenräume. (Foto: NO)

Notwendige Unterstützung

Mit rund 300.000 Neuzugängen wird deutschlandweit im laufenden Jahr gerechnet, monatlich sind das 6000 mehr als geplant. In Schwerte rechnet man mit 150 neuen Flüchtlingen in 2015, die alle untergebracht werden müssen. Deshalb wird nun verstärkt nach privatem Wohnraum gesucht. „Außerdem sind wir dem Arbeitskreis Asyl für die tatkräftige Unterstützung dankbar, denn die Stadt allein kann die Betreuung der Zugezogenen nicht leisten“, so Charlotte Schneevoigt. Schon jetzt kümmern sich rund 100 „Paten“ um das Wohlergehen von Asylbewerbern vor Ort.

Bedenkliche Schieflage

Die Bundespolitik regelt den Zuzug, aber die Arbeit muss vor Ort gemacht werden. Der verstärkte Zuzug kostet viel Geld, wobei NRW nur einen Teil der Unterbringungskosten übernimmt. „In Baden-Württemberg beispielsweise oder Bayern ist das anders, dort werden die Kosten zu 100 Prozent erstattet“, ärgert sich Bürgermeister Böckelühr und blickt pessimistisch in die Zukunft: „Die Situation wird sich verschärfen.“


Zahlen und Fakten

Die vier städtischen Übergangswohnheime

Standort Personen
Großes Feld 96
Regenbogenstraße 47
Ernst-Gremler-Straße 5 21
Schröders Gasse 21

Menschen mit 23 Nationalitäten

Herkunft Personen
Kosovo 24
Albanien 19
Serbien 18
Syrien 17
Eritrea 12
Afghanistan 11
Nigeria 10
Aserbaidschan 7
Bangladesch 6
Armenien 6
Guinea 5
Irak 5
Ghana 5
Bosnien 5
Marokko 5
China 4
Somalia 3
Pakistan 3
Kirgistan 3
Iran 3
Algerien 3
Ägypten 3
Mazedonien 2
Sri Lanka 2
Indien 2
Jordanien 1
Angola 1

Zuweisungen durch das Land NRW

  • Seit dem 20. Oktober 2014 bis zum 12. Februar 2015: 89 Personen (davon 65 Personen aus Albanien, Kosovo, Serbien, Mazedonien und Bosnien), davon 26 Personen zwischen dem 16. Januar bis 12. Februar 2015 (darunter 18 Personen aus Albanien, Kosovo, Serbien und Mazedonien). Ingesamt in 2014: 117 Personen.
  • Im Zeitaum vom 1. Januar 2014 bis 12. Februar 2014 wurden 7 Personen zugewiesen; im gleichen Zeitraum 2015 waren es 33 Personen.
  • 251 Menschen bezogen im Januar 2015  Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, 89 Personen leben davon in Privatwohnungen.
  • Seit dem 1. November 2014 konnten 15 Personen in privaten Wohnraum vermittelt werden. Weitere 8 Personen haben eine Privatwohnung gefunden und werden diese in Kürze beziehen. Parallel dazu werden weitere Wohnungen gesucht. Zum 1. März wird die Stadt vier Wohnungen in Westhofen anmieten. Zurzeit liegen noch mehrere Wohnungsangebote vor, die durch die Fachverwaltung geprüft werden.
  • Im Jahr 2014 beliefen sich die Aufwendungen der Stadt Schwerte für die Unterbringung von Asylbewerbern auf insgesamt rund 1,3 Millionen Euro bei einem Landeszuschuss in Höhe von rund 285.000 Euro.