Geier über der Ruhr

Der gewaltige Gänsegeier taucht auf der Suche nach frisch verendeten Tieren ab und zu sogar in unseren Breiten auf. (Foto: Naturgucker.de)

Schwerte. (Sche/NO) Karl Mays Klassiker „Unter Geiern“ könnte mittlerweile auch zwischen Ruhr und Ennepe spielen. Aufmerksame Beobachter entdeckten in diesem Jahr am Himmel über der heimischen Region bisweilen seltsame Vögel, die so recht nicht in unsere Landschaft passen wollen. „Da ist zum Beispiel der Gänsegeier“, gab Bernd Jellinghaus vom Naturschutzbund (NABU) kürzlich dem wochenkurier kompetent Auskunft.

Die Vögel finden in ihren Heimatländern im Mittelmeerraum nicht mehr genug Nahrung. Also suchen sie diese bei uns. „Hintergrund der seltsamen Vogelwanderung ist das zunehmende Hygienebewusstsein in den südlichen Staaten. Ließ man dort früher die Kadaver verendeter Herdentiere im Vertrauen auf die gefiederten Aasfresser einfach liegen, räumt man sie heute gewissenhaft ab.“ Deshalb müssen die großen Greifvögel jetzt weiträumiger nach Nahrung Ausschau halten.

Angst unbegründet

„Das treibt die Gänsegeier, die eine Flügelspannweite von 2,50 Meter erreichen können, sogar bis in unsere Breiten“, berichtet Bernd Jellinghaus. „Solche Riesen am Himmel fallen den Menschen am Boden sofort auf und können auch Ängste wecken. Sie sind aber unbegründet, denn die Greife fallen kein lebendes Wesen an.“

Ob die Geier auf der Jagd nach frischen Tierleichen bei uns ausreichend fündig werden, lässt der Experte offen. „Hier liegen ja auch nicht massenweise tote Hasen oder Rehe herum“, sinniert der Vogelkundler: „Aber ein kleiner Aufklärungsflug scheint sich für die Tiere offenbar immer einmal zu lohnen.“

Seeadler

Dennoch dürfte der Gänsegeier ein eher seltener Überraschungsgast in heimischen Gefilden sein. Wer also einen großen braunen Vogel über sich am Himmel sieht, hat in den meisten Fällen vermutlich einen Seeadler entdeckt. Dieser Jäger der Luft, mit etwa 1,90 Metern Spannweite etwas kleiner als der Geier, ist auf Fische und kleine Wasservögel aus.

„Da bieten ihm die regionalen Talsperren eine breite Palette an möglicher Beute“, weiß der Naturkundler. Wichtig für die Jagdmethode des Seeadlers, der seine Opfer im Tiefflug an der Oberfläche packt, sind weiträumige Wasserareale. Gartenteichbesitzer brauchen also keine Angst um deren Bewohner zu haben.

Kein Zufallsgast

Der Adler ist übrigens kein Zufallsgast auf Nahrungssuche wie der Gänsegeier, sondern er zieht im Winter regelmäßig von seinen nördlicher gelegenen Brutgebieten in unseren Raum. Daher ist er hier auch gar nicht so selten anzutreffen, zeigt sich aber nicht allzu gern. „Dass ein Spaziergänger zu normalen Tageszeiten solch ein Tier über der Ruhr zu sehen bekommt, ist eher unwahrscheinlich“, schmunzelt Bernd Jellinghaus.

Weil die Seeadler die Gesellschaft des Menschen so weit wie möglich meiden, ist auch Angst vor den „Raubvögeln“ nicht angebracht. „Aus der Bindung der Tiere an das Wasser geht schon deren Beuteschema hervor“, bringt es der NABU-Fachmann auf den Punkt: „Sie fressen Fische oder Wasservögel. Spaziergänger und Haustiere hingegen sind völlig ungefährdet. Den Horsten – also den Nestern – sollte man jedoch nicht zu nahe kommen. Das gilt aber für alle Vogelarten.“

Wer seltene oder für ihn ungewohnte Tiere in der Luft oder am Boden entdeckt, sollte versuchen, ein Foto zu schießen und die Sichtung unter Tel. 01 75 / 4 53 16 28 an Bernd Jellinghaus melden, damit der Naturschutzbund die Wanderungen gefährdeter Tierarten besser verfolgen kann.