Island: Kalt ist nur der Name

Tradition und Moderne: Thorsten Trelenberg vor einer Skulptur, die auf die Vergangenheit Islands verweist. (Foto: privat)

Schwerte. (NO) „Es sind die Menschen, die Island so lebenswert machen. Ihre Offenheit, ihre Freundlichkeit, ihre Herzlichkeit, ihre Wärme und ihre Spontaneität vermisse ich jetzt schon.“ Mit vielen Eindrücken und voller Euphorie ist Thorsten Trelenberg kürzlich aus Island zurückgekehrt. Die Insel am Rande des Polarkreises hat es dem Schwerter Lyriker angetan. Seine Erfahrung: „Kalt ist eigentlich nur der Name!“

Intensivstes Erlebnis

Der Schwerter Lyriker, unter anderem auch Kinderbuchautor und Träger des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur, verbrachte knapp vier Wochen, vom 23. Dezember 2012 bis 20. Januar 2013, auf Einladung des Isländischen Schriftstellerverbands als Stipendiat in der Hauptstadt Rejkjavik. „Mein bei weitem intensivstes Island-Erlebnis“, so Trelenberg, der die Nordinsel bereits zum vierten Mal besuchte und sich wieder von der entspannten Lebensart anstecken ließ – und fasziniert war vom Zusammenklang von Tradition und Moderne.

Dem Besuch voraus ging eine Anfrage des Schwerter Poeten beim Isländischen Schriftstellerverband inklusive der Sendung von Textproben und Verweis auf die Homepage. Nach kritischer Prüfung kam überraschend kurzfristig das O.K: „Kauf dir ein Ticket und komm‘!“

Der Schwerter Lyriker Thorsten Trelenberg, Jahrgang 63, wurde vom Isländischen Schriftstellerverband zu einem vierwöchigen Stipendium nach Rejkjavik eingeladen. Seine Eindrücke schilderte er dem wochenkurier. (Foto: privat)

Im Gunnarshus

„Untergebracht war ich im Gunnarshus etwas abseits der Innenstadt von Rejkjavik, einem schönen Einfamilienhaus mit einem komplett ausgestatteten Appartement für Stipendiaten im Erdgeschoss und den Räumen des Schriftstellerverbands in der ersten Etage“, erzählt Trelenberg. (Gunnar Gunnarson, 1889 bis 1975, gilt neben Halldor Laxness als der bedeutendste isländische Dichter des 20. Jahrunderts, Anm. der Red.).

Etliche Dichter wurden im Gunnarshus bereits beherbergt, unter anderem auch die Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller. Die Verständigung zwischen Gästen und Einheimischen ist übrigens problemlos. Trelenberg: „Alle Isländer sprechen Englisch, viele auch Deutsch.“

Zwanglos

Besonders angetan war der Schwerter von der zwanglosen Art der Gastfreundschaft: „Gegenleistungen wurden nicht erwartet, ich hatte kein dichterisches Pensum abzuarbeiten, sollte einfach nur Gast sein.“ Produktiv war Trelenberg trotzdem: 77 neue Gedichte und 12 Kurzgeschichten sind im Laufe seines Aufenthalts entstanden. Und Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und seine Werke unter die Leute zu bringen, ergaben sich reichlich.

Gammelfisch

Bei der Ankunft am Gunnarshus am 23. Dezember wurde der Gast aus der Hansestadt an der Ruhr sogleich mit einer alten isländischen Tradition konfrontiert. „Überall stank es bestialisch nach Fisch. Ein Nachbar erklärte mir dann, dass der Tag vor Weihnachten Porlákur, dem Schutzpartron Islands, gewidmet ist, und bei vielen Familien Skata, ein Gericht aus fermentiertem Rochen, auf dem Speiseplan steht!“ Die streng riechende Delikatesse, die einen wochenlangen Zersetzungsprozess absolviert hat, wird gekocht und mit Kartoffeln, Steckrüben und geschmolzenem Schaffett serviert. „Und damit es drinnen nicht so stark riecht, wird der Rochen draußen zubereitet!“. Am nächsten Tag war die Luft dann wieder rein.

Kaffeehauskultur

Rejkjavic mitten im Winter: Ein interessantes, wenn auch nicht spektakuläres Erlebnis. Thorsten Trelenberg: „Touristen gibt es dann ja kaum, und tagsüber ist in der recht kleinen Innenstadt wenig los. Es gibt eine Menge Museen, eine nahezu spektakuläre und äußerst lebendige Literatur- und Kunstszene und eine ausgeprägte Kaffeehauskultur. Keiner hat was dagegen, wenn man es sich in einem Café mit einem Buch ein paar Stunden bequem macht, auch wenn man gar nichts oder nur einmal etwas bestellt. Hier wird niemand zum Verzehr genötigt. Die Isländer sind schon sehr, sehr locker!“

Riesenparty

So ruhig der Tag, so bunt die Nacht auf Rejkaviks „Partymeile“. „Dann geht hier die Post ab, man glaubt es nicht!“, strahlt ein immer noch begeisterter Thorsten Trelenberg. „Party ist angesagt, und was für eine! Ganz Rejkjavic scheint nachts auf den Beinen zu sein, ohnehin ist alles hell erleuchtet, die Stimmung ist super, aber überhaupt nicht agressiv, man hört kein Gegröle, alles ist fröhlich und entspannt.“

Und auf dem Laugavegur, einer Hauptstraße, unter deren Deckschicht Heizschlangen die Piste eisfrei halten (obwohl in Rejkjavik noch nie eine niedrigere Temperatur als 7 Grad gemessen wurde) kann man im Schritttempo spazieren fahren – ohne Eile, ohne Gehupe, ohne Drängler im Rücken. Island – ein Traum!

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe – dann geht es um Dunkelheit und Lichthunger, Badetradition, Grundwerte der isländischen Gesellschaft, Schriftsteller-Kontakte und infernalische Silvester-Ballerei!