Kampf gegen Extremgewicht

Schwerte. (NO) Extremes Übergewicht ist eine schwer wiegende Behinderung. Sich ins Auto zwängen, einen Platz im Bus finden – gar nicht so einfach. Im Straßencafé Platz nehmen – geht nicht. Das wird kein Stuhl aushalten. Die Waage zuhause zeigt das Gewicht weit jenseits üblicher Normen schon gar nicht mehr an. Und wenn es ganz besonders dicke kommt, wird auch die Körperhygiene schwierig, beispielsweise beim Gang auf die Toilette – auf die Superschwergewichte ohnehin kaum noch passen.

Nichts geht mehr

Alle Widrigkeiten eines Lebens im XXXXXL-Format sind Christian Fricke vertraut. Satte 220 Kilo schleppte er mit sich herum. Manche Tage waren eine echte Qual. Vieles ging gar nicht mehr. Doch Fricke gelang es, den Schalter im Kopf umzulegen, sein Leben umzukrempeln. Jetzt wiegt der 30-Jährige 130 Kilo und strebt die 120-Kilo-Marke an.

„Hundert Kilo weniger, das ist schon eine Hausnummer“, lacht der junge Mann, der wieder aktiv am Leben teilnimmt und nun anderen Menschen Erleichterung verschaffen möchte. 15 Adipositas-Gruppen mit zurzeit rund 800 Mitgliedern hat der Hagener bereits gegründet, die 16. formiert sich in der kommenden Woche in Schwerte.

Schon immer dick

„Ich war schon immer dick“, erinnert sich der gelernte Kaufmann im Einzelhandel. „Zuhause habe ich nicht gelernt, wie man sich vernünftig ernährt, Cola, Chips, Pommes und Fertiggerichte waren der Normalfall.“ Kaum Bewegung, essen, essen, essen – im Laufe der Jahre kamen immer mehr Pfunde dazu. Doch letztendlich waren 220 Kilo Lebendgewicht einfach zu viel. Zumal der ehemalige Rettungssanitäter kaum noch in einen Rettungswagen passte.

Kurswechsel

Christian Fricke gelang der totale Kurswechsel. „Und der muss im Kopf beginnen“, weiß er. In einer Klinik in Recklinghausen ließ er sich den Magen verkleinern, die Pfunde begannen zu purzeln. Fressgelage – das ging nun nicht mehr. Stattdessen setzte der junge Mann auf gesunde Ernährung und Sport. „Freundschaften und gemeinsame Aktivitäten sind wichtiger als das ständige in-sich-hinein-Stopfen“, sagt Fricke. „Das habe ich begriffen“.

Adipositas-Netzwerk

Fortan machte er sich auf die Suche nach Angeboten, die ihm beim weiteren Abnehmen helfen sollten. Doch in Hagen wurde er nicht fündig. 2014 schließlich gründete er sein Adipositas-Netzwerk mit seinen mittlerweile, Schwerte bereits miteingerechnet, 16 regionalen Gruppen. Ein Erfolgserlebnis, eine Berufung, fast schon ein Lebenswerk. „Allein bewegt man sich nicht gern, mit Gleichgesinnten machen die Aktivitäten viel mehr Spaß und man hält sich gegenseitig bei der Stange“, erklärt Fricke das einfache Konzept. Mittlerweile sind über die Gruppen hinaus Kontakte und Freundschaften entstanden, die vielen weiteren Menschen das Leben leichter machen.

Vernetzung

Zum Adipositas-Netzwerk gehört ein Therapiekonzept unter ärztlicher Begleitung sowie die Mitwirkung von Psychologen, Ernährungsberatern, Fitness-Studios und Rechtsanwälte. Hinzu kommen Freizeitangebote wie Schwimmen, Gymnastik und Zumba. Fricke strebt auch in Schwerte die Kooperation mit Sportvereinen an.

Träume werden wahr

Christian Fricke selbst arbeitet als Koordinationsassistent des Adipositas-Zentrums im Evangelischen Krankenhaus Hagen-Haspe und ist ehrenamtlicher DRK-Leiter in Vorhalle. Das Adipositas-Netzwerk betreut er vor dem Hintergrund seiner beruflichen Tätigkeit, doch gleichzeitig „ist es mein Hobby, freilich ein ziemlich zeitraubendes.“ Doch soll auch das Privatleben nicht zu kurz kommen. Hier ist Fricke auf der Sonnenseite angekommen, hat eine nette Partnerin gefunden, und mit ihrem Kind kann er nun auch nach Herzenslust toben. Das wäre früher mit seinen 220 Kilo ganz unmöglich gewesen. Außerdem hat sich der 30-Jährige einen Traum erfüllt – und fährt Motorrad. Zudem hat er eine weitere Leidenschaft für sich entdeckt: das Tanzen.

Gruppengründung in Schwerte

Die Schwerter Regionalgruppe in Christian Frickes Adipositas-Netzwerk wird am Donnerstag, 4. August, in der VfL-Vereinsgaststätte an der Schützenstraße 30 gegründet. Sie wird den Namen „Calimero“ tragen und von Nicole Zester und Claudia Ballermann geleitet. Von 15 bis 17 Uhr können sich Interessierte informieren, Fragen stellen und sich wiegen lassen. Von 17 bis 18 Uhr findet dann die offizielle Gründung statt. „Alle Betroffenen, die ihr Leben ändern wollen, sind herzlich eingeladen“, sagt Christian Fricke. Die Mitgliedschaft in der neuen Schwerter Adipositas-Selbsthilfegruppe ist kostenlos.