Kanufahren – oder der Versuch, die Ruhr leer zu trinken

[1/2] Wochenkurier-Volontär Heiko Cordes testet verschiedene Sportarten aus: Kanufahren gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben

[1/2] Wochenkurier-Volontär Heiko Cordes testet verschiedene Sportarten aus: Kanufahren gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben, die ihm bisher gestellt wurden. (Foto: Lara Zeitel) [2/2] Erfolgreich einige Meter auf der Ruhr unterwegs: wk-„Volo“ Cordes b

Wochenkurier-Volontär Heiko Cordes hat abermals eine neue Sportart ausprobiert. Diesmal ging es ins Nass, genauer gesagt auf die Ruhr. Gemeinsam mit Sportlerinnen und Sportlern des Kanu-Vereins Schwerte wollte der 30-Jährige im „Vorfeld“ der Hohenlimburger Kanu-Europa­meisterschaften testen, wie lange er sich über Wasser halten kann. Um es vorweg zu nehmen: Nicht sehr lange.
Hagen/Schwerte. (hc) Strahlender Sonnenschein, angenehme Temperaturen und das Rauschen der Ruhr. Beste Voraussetzungen für einen gemütlichen Feierabend. Doch statt auf dem Rad noch eine Runde zu drehen oder spazierend das schöne Wetter zu genießen, wage ich mich zu Jungs und Mädels von Kanu-Verein Schwerte. In unserer Region sind Kanu & Co. keine Rand-, sondern Hauptsportarten. Wer in Schwerte, Wetter, Herdecke oder Hohenlimburg groß wird, der kommt um eine Erfahrung auf den heimischen Flüssen nicht herum. Daraus resultieren auch die zahlreichen Sportler bei nationalen und internationalen Spitzenwettkämpfen.
Safety first
Nun darf ich also ran. Erste Lektion nach dem Umziehen: Sicherheit. Daher hole ich mir erst einmal eine graue Schwimmweste und einen roten Helm aus dem Bestand des Vereins. Dann sucht Trainerin Sandra Rosener ein passendes Boot samt Paddel. Das Paddel ist dunkel, das Material ist wohl Carbon. Das Boot ist rot und aus Kunststoff. Die Profis fahren auf sie abgestimmte Boote ebenfalls aus Kohlenstoff – Kostenpunkt: rund 1.800 Euro. Alle drei Jahre brauchen sie spätestens ein neues Gefährt.
Trockenübung
Nachdem mein roter Flitzer ausgesucht ist, bekomme ich von meiner Trainerin ein paar Trockenübungen gezeigt. Meine zweite Lektion folgt. Es werden meine wichtigsten Fragen beantwortet: Wie komme ich in das Boot hinein – und wie wieder raus? Besonders der zweite Teil macht mir ein wenig Sorgen. Kopfüber im Boot zu hängen, gehört zu den Horrorvisionen, die ich habe. Das ist aber, wie ich später merken werde, kein Problem. Hat das Einsteigen geklappt, muss man die Oberschenkel an die Außenwand des Bootes pressen, damit man ein besseres Gefühl für die Lenkung hat.
Lektion drei bekomme ich kurz darauf vermittelt: Wie habe ich das Padel zu halten und wie muss ich es bewegen, um voran zu kommen? Erst links einstechen, dann rechts und dann wieder links. Dabei die linke Hand locker um das Paddel legen, damit man immer die Wölbung des Blatts optimal nutzen kann. „Immer schön eng am ‚Boot‘ vorbeiziehen und nicht den Oberkörper allzu sehr rüberbeugen“, lautet die Anweisung von Sandra Rosener. „Das sieht ja schon ganz gut aus.“ – Wie falsch sie damit liegen sollte.
Ab ins Wasser
Bewaffnet mit Boot und Paddel geht es nach der Trockenübung hoch zum Einstieg. Jetzt wird es ernst. Die Jungs der Trainingsgruppe von Rosener werden als mein Begleitschutz abgestellt. Sie werden nicht wenig zu tun haben.
Nachdem das Boot im Wasser ist, steige ich ein. Das klappt fast problemlos. Ich probiere mich an alles zu erinnern, was mir die Trainerin gesagt hat. „Auf die Strömung achten. Das Boot mit der Hüfte ein bisschen kippen.“ Oder: „Um das Boot gerade zu halten, auf der gegenüberliegenden Seite rückwärts schlagen.“ Die größte Lektion erteile ich mir quasi selbst: „Erstmal auf das Wasser, danach werde ich mich schon an alles erinnern.“ Wie falsch man sich doch einschätzen kann.
Hinein in die Ruhr
Auch die aufmuternden Worte von Sandra Rosener („letztens habe ich einen 6-Jährigen im Schnupperkurs gehabt – der ist erst kurz vor Schluss ins Wasser gefallen.“) klingen bereits nach wenigen Sekunden wie ein lang vergangenes Versprechen. Denn: Nachdem ich mich in Strömungsrichtung hab treiben lassen, schaffe ich es nicht, das Boot geradeaus zu bugsieren. Wenige Sekunden halte ich mich über Wasser, dann kentere ich.
Was mich dabei am meisten überrascht: Ich komme ohne Probleme aus dem Boot, ganz natürlich kommt man an die Oberfläche. Bis zum Ufer zu schwimmen, erfordert Anstrengung, denn die Strömung ist stärker als erwartet. Meine Begleiter sammeln währendessen Boot und Paddel ein.
Schnell bestraft
Erneut probiere ich mein Glück. Dieses Mal klappt es etwas besser. Ich komme ein paar Meter weit, doch anstatt die Ratschläge meines Coaches zu berücksichtigen steche ich auf der falschen Seite ins Wasser – ein fataler Fehler. Statt meine Fahrtrichtung zu korrigieren, mache ich erneut den Ruhr-Wasser-Geschmacks­test. Dabei fällt mir gar nicht auf, wie kalt das Wasser ist. Zwischen 15 und 17 Grad sagt man mir hinterher, doch Adrenalin und Aufregung wärmen von Innen.
Meine Trainerin hat ein Einsehen und lässt mir ein anderes Boot holen. Das hat nicht so eine runde Unterseite und soll besser auf dem Wasser liegen.
Erfolgserlebnis
Und tatsächlich. Im dritten Anlauf schaffe ich es, mich länger als nur für Sekunden im Boot zu halten. Ich halte Kurs, auch weil mir Sandra Rosener das Denken abnimmt. Während ich verzweifelt versuche, nicht wieder ins kühle Nass einzutauchen fährt sie fast spielerisch-leicht vor mir her – natürlich rückwärts – und gibt mir Anweisungen, wie ich paddeln muss.
Aber es funktioniert nur so lange, bis ich erneut mein Paddel falsch eintauche und prompt wieder im Wasser lande. Es sollte mein letzter Versuch sein. Noch einmal in dieses Boot zu steigen, noch einmal rauszufallen – das muss an diesem Abend nicht sein.
Mein Respekt für die Sportlerinnen und Sportler ist jedenfalls enorm groß. Sie beherrschen ihr Sportgerät mit einer Leichtigkeit, die neidisch macht.
Viel Zeit
Sandra Rosener, meine Trainerin, gehört zu besten Kanu-Sla­lom-Fahrerinnen Deutschlands. Sie nimmt regelmäßig an den Deutschen Meisterschaften teil.
Durch ihren Vater ist sie zu dem Sport gekommen und ihm nun seit 18 Jahren treu geblieben. Um so erfolgreich zu sein wie sie, muss man viel Zeit investieren. Zwei Mal pro Tag steigt sie in ihr Boot und trainiert. „Das klappt natürlich ganz gut, weil ich Studentin bin“, so Rosener.
Titelkämpfe in Hohenlimburg
Für die U23/Junioren-Europameisterschaften, die am heutigen Mittwoch, 16. August, in Hohenlimburg eröffnet werden, ist sie bereits zu alt. Dennoch wird sie an der Strecke zu finden sein und die Schwerterin Zoey Jakob unterstützen. die wird nämlich die Farben des KVS bei den kontinentalen Titelkämpfen hochhalten.
Mein Selbstversuch hat mir gezeigt, wie schwierig dieser Sport ist. Und als mir zum Abschied einige erfahrene Kanuten erzählen, dass ich mir „ja einen schlechten Zeitpunkt“ ausgesucht habe, stutze ich kurz. „Wir haben fast einen halben Meter Wasser mehr in der Ruhr, da ist die Strömung viel stärker. Komm noch einmal wieder, wenn weniger Wasser da ist“, lautet ihre freundliche Einladung. Gerne komme ich noch einmal wieder. Mit dem Rad. Als Zuschauer.