Literarische Begegnungen: Autoren zu Gast in Schwertes Partnerstadt Pjatigorsk

Freuten sich über den Besuch in Pjatigorsk (v.l.): Patricia Malcher, Christiane Bogenstahl, Thorsten Trelenberg, der Pjatigorsker Bürgermeister Andrej Skripnik, Daniela Gerlach und Anne-Kathrin Koppetsch. (Foto: privat)

Schwerte/Dortmund/Pjatigorsk. (Red.) Seit 2015 kooperieren die Auslandsgesellschaft Deutschland e.V. und die Staatlichen Universität von Pjatigorsk miteinander. Die Zusammenarbeit zwischen dem Ruhrgebiet und dem Nordkaukasus wurde nun neben dem akademischen auch durch einen literarischen Austausch beteiligt.

Fünf Autoren aus Dortmund, Schwerte und Umgebung waren kürzlich in der Schwerter Partnerstadt Pjatigorsk zu Gast. Die wichtigsten Ziele waren, russische Schriftsteller kennenzulernen und zusammen mit ihnen am Festival der Straßenpoesie teilzunehmen. Dabei waren der Lyriker Thorsten Trelenberg aus Schwerte (Delegationsleiter) sowie Patricia Malcher, Christiane Bogenstahl, Daniela Gerlach, Anne-Kathrin Koppetsch. Alle sind die Mitglieder des Autorenstammtisches „LiteraturRaumDortmundRuhr“.

Der Impuls zur literarischen Kontaktaufnahme in Pjatigorsk kam zunächst aus dem Schwerter Umfeld des „Flusspoeten“. Organisiert wurde das Projekt von der Auslandsgesellschaft Deutschland e.V. und gefördert von der Stiftung West-Östliche Begegnungen sowie vom Kulturbüro der Stadt Dortmund. Unterstützt wurde die Aktion zudem durch engagierte Bürger, die sich für die Freundschaft zwischen Schwerte und Pjatigorsk einsetzten.
Folgend nun der Bericht des Lyrikers Thorsten Trelenberg über den Besuch in Pjatigorsk.


11. Mai: Anreise der fünf Teilnehmer*innen über Moskau nach Pjatigorsk
12. Mai: Bereits am Samstag trafen wir auf Prof. Dr. Wjatscheslaw Schulshenko, Universität Pjatigorsk, der uns mit zwei Studierenden, die sich als hervorragende Dolmetscherinnen entpuppten, zu einem ersten Spaziergang. In entspannter Atmosphäre erfuhren wir im Rahmen dieses ersten Kennenlernens am Fuße des Berges Maschuk viel über das Leben in der Region Kaukasus und Umgebung. Sowohl die Informationen über die aktuellen Lebensrealitäten der Menschen in Pjatigorsk, als auch der historische Einblick in die Region des Nord-Kaukasus zeigte, wie wenig man eigentlich voneinander weiß.
Bereits um die Mittagszeit fanden intensive literarische Gespräche statt, die bis in den Nachmittag hinein vertieft wurden. Bereits in den ersten Stunden dieses Tages wurde klar, dass die zentrale Aufgabenstellung dieses Projektes, nämlich die Suche nach kreativen und alternativen deutsch-russischen Dialogwegen, auf einem guten Weg war.
Der eigentliche Höhepunkt des Tages war dann der Besuch und vor allem die Einbindung(!) der Delegationsteilnehmer*innen in das jährlich stattfindende Straßenpoesiefestival. Dazu später mehr.

Lyriker Thorsten Trelenberg trägt seine Werke beim Festival der Straßenpoesie vor. Rechts Projektkoordinatorin Dr. Natalia Kashirina von der Staatlichen Universität Pjatigorsk. (Foto: privat)

13. Mai: Begleitet durch zwei Studierende der Universität erkundeten wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Pjatigorsk. Über mehrere Stunden hinweg staunen wir nicht schlecht darüber, wie viele literarische Orte und Sehenswürdigkeiten in Pjatigorsk gepflegt werden. Stichworte dazu: Lermontov, Puschkin, Tolstoi, u.a.
14. Mai: Besuch bei der Dekanin des Instituts für Fremdsprache und Tourismus der Staatlichen Universität Pjatigorsk, Prof. Dr. Irina Akopyants. Uns allen wird das intensive Gespräch in weltoffener Atmosphäre über die Wichtigkeit der deutsch-russischen Beziehungen nicht nur im Bereich eines literarischen Austauschs lange in Erinnerung bleiben.
Nach dieser Visite trafen wir uns in der Universität mit Studierenden zu einem runden Tisch, der unter dem Motto „Moderne Literatur in Russland und Deutschland“ stand. Es erfolgte ein lebhafter Austausch über die jeweilige Situation der Literatur in Deutschland und Russland.
Die Begeisterung der Studierenden für dieses Thema war mit den Händen zu greifen. Gleiches galt für die TN der Delegation. Bis in den Nachmittag hinein wurden Erfahrungen und Meinungen ausgetauscht und diskutiert. Dieses Treffen war außerordentlich befruchtend für beide Seiten.
15. Mai: Dieser Tag stand ganz im Zeichen des großen russischen Schriftstellers Lermontov. Im Zweijahresrhythmus finden sich Teilnehmer*innen aus allen Teilen der Welt zum Internationalen Lermontov Kongress (International Science Lermontov Conference) ein. Vollkommen beeindruckt von dieser Veranstaltung konnten wir uns an den literarischen Fachgesprächen beteiligen und uns mit Schreibenden aus vielen Ländern austauschen.
Unsere Delegationsteilnehmer*innen freundeten sich mit russischen Autor*innen an und tauschten Standpunkte und Erfahrungen aus. Bereits kurz nach der Rückkehr unserer Delegation gab es schon Mail-Kontakte, die intensiviert und ausgebaut werden.
16. Mai: Unter fachkundiger Leitung von Dr. Natalia Kashirina und in Begleitung von Prof. Dr. Schulshenko begaben wir uns auf eine Rundfahrt durch die Städte der Region Mineralye Wody / Pjatigorsk. Zu unserer großen Freude stießen am Nachmittag einige unserer neuen russischen Freunde zu uns, um ihrerseits bei einem gemeinsamen Essen den Kontakt mit uns zu suchen und ihre Ideen für mögliche weitere Projekte einzubringen. Dieses Zusammentreffen war für uns von großer Bedeutung, weil es uns zeigte, wie nah wir alle mit unseren Herzen beieinander sind.

Wie wurden die inhaltlichen Zielstellungen erreicht?

Reisen bildet. Und wenn man den Anderen kennenlernen will, muss man ihn besuchen.
Von Anfang an war es das Ziel unserer Delegation fernab der großen Politik nach neuen und / oder alternativen Wegen zum Aufbau von deutsch-russisch-literarischen Beziehungen zu suchen. Wir wollten Menschen kennenlernen, die sich mit Literatur beschäftigen oder die sich der Literatur verschrieben haben. Nur über den persönlichen Kontakt war es unseres Erachtens nach möglich, die Herzen dieser Menschen zu erreichen. Was auch umgekehrt gilt.
Wie sich schon nach kurzer Zeit herausstellte, war es genau dieser Ansatz, der unsere literarische Begegnung so erfolgreich gemacht hat.
Die vielen Gespräche, die von beiden Seiten auch in kleinen Gesprächskreisen geführt wurden, tragen bereits ihre Früchte. Es sind eben nicht nur Mailkontakte, sondern Freundschaften entstanden.

Höhepunkte auf hohem Niveau

Aus literarischer Sicht gab es ja fast jeden Tag einen Höhepunkt auf fachlich hohem Niveau.
Die herzliche Aufnahme unserer Teilnehmer*innen durch die vielen Literat*innen, die mit ihren Beiträgen das Straßenpoesiefestival bereicherten, war umwerfend. Mit Hilfe unserer Übersetzerinnen wurden wir ein Teil des Festivals und konnten uns somit direkt vor Ort mit unseren Arbeiten präsentieren. Grandios! Interessierte russische Dichterinnen und Dichter haben uns nicht nur zu einem Teil dieser außergewöhnlichen öffentlichen Veranstaltung gemacht. Viele von ihnen nutzten die Gelegenheit sich international mit uns zu vernetzen.

Besuch des Lermontov-Museums, das den Namen eines der wohl bedeutendsten russischen Schriftsteller trägt. (Foto: privat)

Großes öffentliches Interesse

All dies stellt eine gute Voraussetzung für den Ausbau der deutsch -russischen Begegnungen dar. Auf welch großes öffentliches Interesse diese Veranstaltung stieß, wurde uns klar, als man uns unter den zahlreichen Besucher*innen auch den Bürgermeister von Pjatigorsk vorstellte. Dies zeigte uns auch, dass Projekte dieser Art dabei helfen, Menschen auf beiden Seiten für kommunale Partnerschaften zu sensibilisieren. Weiter so!
Gleiches gilt für die Begegnung mit den russischen Studierenden. Hier konnten nicht nur literarische Meinungen und Erfahrungen ausgetauscht werden, sondern die am Institut gelehrte Fremdsprache (Deutsch) auch mit Leben erfüllt werden.
Auf fachlicher Ebene fand unser Besuch des Lermontov-Kongresses Beachtung. Mit diesem Besuch wurde unsere Vorstellung und Wünsche von einer fachlichen Verknüpfung mit russischen und Kolleg*innen aus aller Welt mehr als erfüllt.

Wie haben die Teilnehmer*innen an der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Maßnahme mitgewirkt?

Bereits weit im Vorfeld der Begegnung wurden vom Autorenkreis „LiteraturRaumDortmundRuhr“ Kontakte zur Universität Pjatigorsk und dem dortigen Literaturclub „Brett der Arche“ gesucht.
Im Rahmen der Kontaktanbahnung wurden erste Texte auf elektronischem Wege ausgetauscht und übersetzt. Durch die Unterstützung von Frau Dr. Natalia Kashirina und der DAAD-Lektorin Marlies Wenzel, die an der Universität Pjatigorsk lehrt, wurden diese Texte übersetzt und den Studierenden zugänglich gemacht. Dank des Einsatzes von Frau Wenzel wurden im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Musik und Literatur“ einige Texte der Dortmunder Gruppe von Studierenden vertont und im Rahmen einer Veranstaltung aufgeführt.

Kontakte sollen ausgebaut werden

Gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen der Auslandsgesellschaft wurde vom Autorenkreis „LiteraturRaumDortmundRuhr“ nach weiteren Wegen zur Realisation eines Besuches und / oder eines westfälisch-kaukasischen Schriftstellerkongresses gesucht. (Um den Kongress zu realisieren, laufen die Bemühungen noch.)
Noch während der vorbereitenden Maßnahmen wurde vom Dortmunder Autorenkreis weltweit zur Einsendung von Beiträgen zu einer Anthologie mit dem Thema „Heimat“ aufgerufen. Auch unsere Freunde aus Pjatigorsk beteiligten sich und sind in der Anthologie vertreten, die im nächsten Jahr erscheint. Diese Anthologie ist ein Beitrag, um Dortmunder und Pjatigorsker Schreibende international bekannter zu machen. Somit ist nicht nur die Möglichkeit einer internationale Vernetzung gegeben, sondern auch eine Wahrnehmung und Wertschätzung aller Beteiligten in der Öffentlichkeit. Sowohl für Schreibende aus der deutschen, wie aus der russischen Provinz, ist dies keine Selbstverständlichkeit.

Netzwerke

Im Rahmen der Nachbereitung standen alle Mitreisenden für die Zusammenarbeit mit den beteiligten öffentlichen Institutionen und der Presse zur Verfügung. Als Multiplikatoren berichte die meisten von Ihnen über ihre positiven Erfahrungen in den „sozialen“ Netzwerken.
Der Dortmunder Autorenkreis versucht auf lokaler und regionaler Ebene die Öffentlichkeit und vor allem auch junge Menschen für Russland zu begeistern. Geplant ist ein zweisprachiger öffentlicher Leseabend mit den bereits erwähnten Texten, die im Rahmen des Projektes entstanden.

Das Schriftsteller-Team an der Staatlichen Universität von Pjatigorsk (v.l.): Patricia Malcher, Anne-Kathrin Koppetsch, Daniela Gerlach, Christiane Bogenstahl, Thorsten Trelenberg und Projektkoordinatorin Dr. Natalia Kashirina. (Foto: privat)

Angestrebt wird, dass uns russische Studierende und Schreibende in Dortmund besuchen können. Zu diesem Zweck haben sich viele Mitglieder*innen des Autorenkreises bereit erklärt, russische Freunde im Rahmen eines Gegenbesuches aufzunehmen.
Bei allen weiteren Buch- und Schreibprojekten des „LiteraturRaumsDortmundRuhr“ werden in Zukunft Schreibende und Studierende aus Pjatigorsk eingeladen.
Ein zukünftiger Arbeitsschwerpunkt der sich aus unserer literarischen Begegnung ergeben hat, wird die Realisation eines westfälisch-kaukasischen-Schriftstellerkongresses sein.
Im Gespräch sind auch die Planung von öffentlichen Lesungen russischer zeitgenössischer Autor*innen in Dortmund, sowie ein Lermontov-Abend.
Ob und wie sich diese Idee realisieren lässt, muss noch geprüft werden.
In diesem Sinne schließe ich meinen Sachbericht mit einigen Zeilen aus Lermontovs wunderbarem Gedicht „Erde und Himmel“:

Wie sollten wir nicht die Erde mehr lieben als den Himmel?
Das himmlische Glück liegt im Dunkeln;
ist das irdische Glück auch hundertmal geringer,
so wissen wir doch, wie es beschaffen ist.