Personal-Notstand legt Therapie-Arbeit lahm

Schwerte. „Wer als neuer Patient einen Termin beim Physiotherapeuten ausmachen will, kann schnell verzweifeln“, sagt Meinolf Wiese, Inhaber des Physio-Teams Wiese in Lichtendorf. „Wir finden einfach keine Mitarbeiter mehr. Überhaupt keine.“

Physiotherapeuten, aber auch Ergotherapeuten und Logopäden sind Mangelware. Schon seit einiger Zeit dreht sich die politische Diskussion um die Frage, wie man mehr Menschen für eine Ausbildung in diesen Bereichen bewegen kann. Für viele scheiterte es bislang schon am Schulgeld.

Kehrtwende erhofft

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plädiert für die Schulgeldfreiheit bei der Ausbildung in den Therapieberufen. Schnellstmöglich soll hier – wie in Bayern schon in Vorbereitung – die Kehrtwende vollzogen werden. Schrittweise und in Zusammenarbeit mit allen Ländern. Das Konzept soll auch diejenigen berücksichtigen, die sich bereits in einer therapeutischen Ausbildung befinden.

Hier hat Nordrhein-Westfalen tatsächlich die Nase vorn. Immerhin 70 Prozent der Kosten der Therapeutenausbildung will NRW-Minister Karl-Josef Laumann mit Landesmitteln finanzieren und hat schon 15 Millionen Euro dafür zurückgelegt.

„Darauf warten wir schon lange“, zeigt sich Meinolf Wiese erleichtert. Als Funktionär im Bundesverband der selbstständigen Physiotherapeuten (IFK) mit Sitz in Bochum, in dem er zuständig ist für Öffentlichkeitsarbeit und Kassenverhandlungen, weiß er, wo es brennt.
„Der Markt ist wie leergefegt“, klagt er. „Selbst halbwegs qualifiziertes Personal, das man weiter schulen könnte, ist nicht zu bekommen.“

Extreme Engpässe

Seit Monaten muss sein Team Patienten vertrösten, warten lassen und häufig ablehnen. „Schweren Herzens können wir sogar manche unserer Patienten, die bisher zu uns in die Praxis gekommen sind und nun zuhause betreut werden müssten, nicht mehr versorgen.“ Patienten nach einem Schlafanfall oder mit künstlichen Gelenken, die sich im allerletzten Lebensabschnitt befinden, bleiben auf der Strecke. Das ist für Meinolf Wiese fast unerträglich, aber immer öfter unvermeidlich.

„Wir können das einfach nicht mehr leisten ohne weitere Verstärkung“, sagt er. Der Fachkräftemangel in den therapeutischen Berufen hat einen extremen Stand erreicht. „Die Betreuerin eines Patienten, den wir leider ablehnen mussten, hat mir später berichtet, dass sie in zwölf weiteren Praxen angefragt hat. Vergeblich. Jetzt haben wir den Fall doch übernommen und machen also noch mehr Überstunden“, berichtet der Physiotherapeut.

Schuldenberg

Dass es so weit kommen musste, wundert Meinolf Wiese nicht. „Die Ausbildung von Physio- oder Ergotherapeuten kostet rund 450 Euro Schulgeld monatlich über drei Jahre, die der Logopäden sogar rund 600 Euro. Dazu kommen noch die Lebenshaltungskosten. Schnell steht man am Anfang seines verantwortungsvollen Berufslebens dann mit 40.000 Euro Schulden da – bei einem Verdienst von bescheidenen 2000 Euro brutto“, rechnet er vor. Das krasse Ungleichverhältnis von Lohn und Arbeit bringt im Laufe der Ausbildung auch die Auszubildenden zum Nachdenken. Bis zu 25 Prozent brechen die Ausbildung ab. Ein Fünftel gilt als „Vollaussteiger“, die in völlig andere Branchen wechseln.

Unterschriftenaktion

Die Regierung hat den Anschluss verschlafen. Jahrzehntelang. So sehen es Experten wie Meinolf Wiese. Und so erleben es täglich mehr Patienten, die auf den Wartelisten der Praxen immer weiter hinten landen.

Aber jetzt tut sich etwas: Wer sich dem Aufruf für Schulgeldfreiheit in der Therapeuten-Ausbildung anschließen möchte, kann sich unter www.change.org informieren. Im Internet kann man unter chn.ge/2Ob2VDT eine Petition unterschreiben.