Pilger in der Zeitschleife

Schwerte. (NO) Kritisch wird der Topf einer peniblen Prüfung unterzogen. Ist er mittelaltertauglich? Hätte er vor, sagen wir, 800 Jahren zum Einsatz kommen können? Der Pott besteht den Test. Gekauft! Zufrieden wird die Neuerwerbung eingesackt.

Gelebte Geschichte

Seit rund einem Jahr existiert die kleine Schwerter Mittelaltergruppe „Pilger von der Ruhr“, deren Aktionen immer im Jahre 1241 angesiedelt sind. Am vergangenen Wochenende konnte man die Ruhrpilger (ganz vorn) in Begleitung befreundeter Gleichgesinnter in heimischem Gehölz auf ihrer Wanderung zum Ebberg antreffen. (Foto: Lux Homini)

Die Sorgfalt und Genauigkeit, die so mancher Zeitgenosse in den Autokauf investiert, ist nichts gegen die hohen Ansprüche, die die „Pilger von der Ruhr“ an Ausstattung und geschichtliche Korrektheit stellen. Bei der kleinen Schwerter Mittelaltergruppe muss alles stimmen – vom Outfit bis zum historischen Hintergrund: Gelebte Geschichte nicht als Spiel, sondern als ganz ernsthafte Reise in die Vergangenheit, die den Akteuren viel zu erzählten hat.

Fünf Freunde

Zwei Paare und ein Junge sind es, die längst vergangene Zeiten wieder lebendig machen: Anja Schwarz, 41, in ihrem Leben jenseits der zweiten Jahrtausendwende Erzieherin, fühlt sich wohl in der Rolle der Nostja von Niederhoven. Wie auf den Leib geschrieben ist die Figur des Freiherrn Morian zu Schwerte dem 44-jährigen Lageristen Norbert Schwarz. Gut steht dem gelernten Schmied Andreas Sudmöller, 44, die schmucke Ordenstracht eines Sergeanten des Templerordens in der Figur des Eberhard zu Tinge. Seine Gattin, Christine Sudmöller, 42-jährige Zootierpflegerin, ist als Bruder Christian, ebenfalls Sergeant des Templerordens, in einer Männerrolle aktiv. Fünfter im Bunde ist Niclas Paul Krause. Als Knappe Ludwig steht er Eberhard zu Tinge zur Seite. „Mit seinen zehn Jahren weiß er bereits das Schwert trefflich zu führen, obwohl die Schwertreife eigentlich erst mit 14 erworben wird“, sagt Sergeant Eberhard nicht ohne Stolz.

Immer 1241

Seit rund einem Jahr sind die fünf Freunde, die dem Mittelalter-Virus mit Haut und Haar verfallen sind und sich aus diversen Mittelaltergruppen des Umlands in Schwerte formiert haben, als „Pilger von der Ruhr“ aktiv. „Wir schreiben das Jahr 1241 – immer. Hätten wir den geschichtlichen Rahmen nicht so eng gefasst, müssten wir genauere Informationen über einen größeren Zeitraum haben, doch das würde unserer Darstellung komplizierter machen“, erklärt Andreas Sudmöller. Ihn erfasste die Faszination Mittelalter übrigens, als er in einer Schmiede ein Schwert zu packen bekam – worauf es ihn durchzuckte wie ein Blitzschlag. Wohl in diesem Moment wurde Eberhard zu Tinge geboren…

Es hätte so sein können

Innehalten zum Gebet: Pause auf dem Pilgerweg zum Ebberg. (Foto: Lux Homini)

1241: Das Pilgerpaar Nostja von Niederhoven und Freiherr Morian zu Schwerte kehren zurück von ihrer beschwerlichen Pilgerreise nach Jerusalem, die sie wegen eines Gelübdes unternommen haben. Beschützt werden die Beiden von „Bodyguards“ – den Tempelrittern Bruder Christian und Eberhard zu Tinge mit dem Knappen Ludwig als Begleitung. „Die Personen kamen in der Geschichte zwar nicht vor, aber sie hätten mit ihren Lebensläufen genau so existieren können“, hebt Norbert Schwarz die penible Geschichtsgenauigkeit hervor, der sich die „Pilger von der Ruhr“ auch kleidungsmäßig verschrieben haben.

Immer korrekt

Anja Schwarz hat ihr Gewand zwar bisher noch mit der Maschine genäht, demnächst soll es aber von Hand angefertigt werden, „das ist einfach authentischer. Und dann möchte ich die Stoffe auch mit Naturfarben färben!“ Wenn es um Medizin geht, ist Nostja von Niederhoven ohnehin – voll und ganz mittelaltertauglich – in Kräutern und Heilpflanzen bewandert. Und wie sich die beiden Templer-Sergeanten korrekt zu kleiden haben – nun, da gibt es ganz genaue, mittelalterliche Ordensregeln.

Voller Terminkalender

Fast jedes Wochenende sind die „Pilger von der Ruhr“ im heimischen Raum unterwegs und legen dabei, zünftig gewandet und oft in Begleitung gleichgesinnter Freunde oder Mitglieder anderer Mittelaltergruppen aus der Region, ein Stück Pilgerweg auf heimischem Boden zurück. So wie letztes Wochenende, als ein mittelalterliches Lager auf dem Ebberg stattfand.

Brich‘ das Brot mit mir! Templerorden-Sergeant Eberhard zu Tinge mit Wegzehrung. (Foto: Lux Homini)

„2010 haben wir 18 Lager durchgeführt, wir treffen uns mit anderen Gruppen, besuchen Mittelaltermärkte und sind auch zu buchen“, sagt Anja Schwarz. In diesem Jahr ist der Terminkalender auch bereits voll. Highlight in diesem Sommer: Das internationale Heerlager in der mittelalterlichen Kreuzfahrerfestung Aigues Mortes in Südfrankreich, das bislang größte mittelalterliche Unternehmen der „Pilger von der Ruhr“.

Schwertkampf

Bei manchen Veranstaltungen geht es auch schon mal etwas heftiger zu – beispielsweise, wenn sich die Schwerter kreuzen. Dann schlägt die Stunde von Freiherr Morian zu Schwerte und Sergeant Eberhard zu Tinge. Letztgenannter hat sich sogar ein Schwert nach Maß schmieden lassen. „So ein Schaukampf ist eine richtige Stuntshow und will genau vorbereitet sein, man braucht eine Choreografie“, weiß Norbert Schwarz. „Jeder Schritt, jeder Hieb und Stich muss stimmen, unsere Schwerter sind ja nicht aus Pappe“, lacht Andreas Sudmöller. Der geht übrigens bei einem echten Schwertkampfmeister in die Lehre…

Eintopf – echt

Wenn die Herren dann abgekämpft die Schwerter wieder ruhen lassen, brauchen sie natürlich ordentlich was zu spachteln. Dann sorgt Anja Schwarz alias Nostja von Niederhoven mit einem leckeren Eintopf für Abhilfe. Das Kochen geschieht freilich ganz stilecht und historisch genau auf mittelalterliche Art, wobei der oben erwähnte Topf zum Einsatz kommt.

Der Haken ist nur, dass die Zubereitung manchmal etwas länger dauert, etwa wenn das Brennholz feucht ist. In alten, längst vergangenen Zeiten gab es eben noch kein Fastfood. Doch das kümmert die „Pilger von der Ruhr“ wenig. Hauptsache, am Schluss schmeckt‘s – und alles ist ganz genau so wie im Mittelalter!