„Politik von unten“

Schwerte. (NO) Wenn oben nichts mehr läuft, muss die Bewegung von unten kommen. Städtepartnerschaften sind Friedensangebote von unten. Knirscht es auf höchster Ebene, können persönliche Begegnungen auf bürgerschaftlicher Ebene dafür sorgen, dass mühsam errichtete Brücken nicht wieder abgerissen werden. In Schwerte wurde der Ausbau der Kontaktpflege zur russischen Partnerstadt Pjatigorsk kürzlich zur Chefsache erklärt.

So machte sich im Mai eine kleine Delegation, der auch Stadtpressesprecher Carsten Morgenthal angehörte, auf den Weg in den Nordkaukasus, um neue Kontakte zu knüpfen und alte Freundschaften wieder zu beleben. Darüber hat der Wochenkurier ausführlich berichtet.

Ein weiterer wichtiger Schritt zum Ausbau der Beziehungen war jetzt die Teilnahme von Bürgermeister Heinrich Böckelühr an der 13. Deutsch-Russischen Städtepartnerschaftskonferenz in Karlsruhe. An der hochkarätigen Veranstaltung des Deutsch-Russischen Forums, angesiedelt gleich nach dem Petersburger Dialog, nahmen über 600 Vertreter von Kommunen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die in den fast 100 Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Russland aktiv sind, teil. Hochrangige Gäste waren unter anderem Gernot Erler (SPD), Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit Russland, Matthias Platzeck, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums und ehemaliger Brandenburger Ministerpräsident, sowie nicht zuletzt Vladimir Grinin, Botschafter der Russischen Föderation in Berlin.

Kraft der Begegnung

Motto der auch von namhaften Großunternehmen gesponserten Veranstaltung: „Die Kraft der kommunalen Begegnung.“ Die Hansestadt an der Ruhr wollte mit der Teilnahme an der nur alle zwei Jahre stattfindenden Städtepartnerschaftskonferenz nicht nur Präsenz zeigen, sondern, wenn auch in kleinem Rahmen, zur „Entspannungspolitik von unten“ beitragen. So freute sich Bürgermeister Heinrich Böckelühr über das Treffen mit Daria Babicheva, Leiterin der Abteilung für Organisation der Stadtduma Pjatigorsk, und Natalia Kashirina, Dozentin am Lehrstuhl Deutsch und Koordinatorin für Internationale Zusammenarbeit an der Staatlichen Linguistischen Universität Pjatigorsk. Am Rande des umfangreichen Konferenzprogramms wurden dabei in entspannt-freundschaftlicher Atmosphäre administrative und partnerschaftliche Angelegenheiten besprochen. Die Chance zur Kontaktpflege nutzte auch Ulrich Kopitz, ein „alter Hase“ in Sachen Städtepartnerschaften, der schon seit Jahren den Austausch mit Pjatigorsk pflegt. Kopitz wurde bereits im November letzten Jahres vom Deutsch-Russischen Forum zur Städtepartnerschaftskonferenz nach Karlsruhe eingeladen.

Zuversicht

Viel versprechend im Sinne der Neubelebung der Städtepartnerschaft zwischen Schwerte und Pjatigorsk ist, dass Bürgermeister Heinrich Böckelühr seinen Ansprechpartnerinnen aus der russischen Partnerstadt eine Einladung für den Herbst dieses Jahres in die Ruhrstadt übergeben hat. Näheres werden Interessierte Ende August bei einem Pjatigorsk-Infoabend im Bürgersaal des Rathauses erfahren, worauf auch der Wochenkurier vorher ausdrücklich hinweisen wird. Ansonsten gilt: Die Neuauflage der Partnerschaft ist auf einen guten Weg gebracht, wobei der Austausch auf mehreren Ebenen – Sport, Kultur, Schüler- und Studentenkontakte – angedacht ist. Später könnte auch ein Austausch im Bereich des Handwerks stattfinden. An diesem Aspekt der Kooperation ist besonders Dr.-Ing. Joachim von Hirsch aus Ergste interessiert. Doch bis dahin ist noch ein gutes Stück Wegs zu gehen.

Ein Rückschlag

Kommt die Wiederbelebung der Städtepartnerschaft Schwerte-Pjatigorsk auch langsam wieder in Schwung, so haben die Partnerschaftsbestrebungen zwischen Deutschland und Russland einen empfindlichen Rückschlag zu verkraften. Denn ab dem 14. September müssen russische Bürger ab zwölf Jahren für den Erhalt eines Visums persönlich in den deutschen Konsulaten und Visazentren vorstellig werden, um Fingerabdrücke abzugeben. Die Konferenzteilnehmer in Karlsruhe zeigten sich entsetzt und brachten eine Resolution auf den Weg, wonach Kinder und Jugendliche von den genannten Regelungen ausgenommen werden sollen. Denn damit werde die die Bürgerbewegung in höchstem Maße erschwert und der Schüler- und Jugendaustausch nahezu unmöglich gemacht.

Miteinander sprechen

Natalia Kashirina, die Pjatigorsker Uni-Dozentin, macht sich auch über das schwindende Interesse an der deutschen Sprache Sorgen, hofft aber auf die Kraft der Begegnung: „Für mich waren die Tage in Karlsruhe sehr wichtig und interessant. Es ist traurig, dass jetzt nicht mehr so viele Studenten und Schüler wie früher Deutsch lernen. Ich hoffe aber, dass solche Konferenzen und unsere gemeinsame Arbeit helfen, diese schöne Sprache in Russland wieder populärer zu machen. Wenn unsere Kinder miteinander sprechen können, zusammen etwas Neues lernen und erreichen können, dann werden sie Freunde für einander. Und das ist, was wir alle wollen – Frieden!“