Romantische Reise duch das malerische Westfalen

Die Hohensyburg, gesehen vom Ruhrtal bei Schwerte. Einer von 30 wertvollen Stichen aus dem seltenen, alten Reiseführer von 1840: „Das malerische und romantische Westphalen“. (Repro: wk)

Schwerte. (KHL) Vor 172 Jahren, anno 1840, erschien ein Bildband über Westfalen. Er zählt zu den schönsten Werken der damaligen deutschen Reiseliteratur: „Das malerische und romantische Westphalen. Seiner Majestät, dem Könige von Preußen Friedrich Wilhelm IV. ehrfurchtsvoll und unterthänigst gewidmet“. Ferdinand Freiligrath und Levin Schücking schrieben die Texte. Der Maler Carl Schlickum zeichnete für diesen Band rund 30 romantische Westfalen-Ansichten – Landschaften, Bergschlösser, Kirchen, Städte.

Auch Schwerte ist „drin“

Auch Schwerte wurde zumindest gestreift bei dieser Tour – davon zeugt nicht nur ein wunderschöner Stich der Hohensyburg, gesehen aus dem Ruhrtal bei Schwerte, sondern auch drei Gedichte, die zum Sagenschatz der Hansestadt an der Ruhr gehören: „Die Gränzsteinträger in der Schwerter Feldmark“, “Die Schatzhüterin bei Schwerte“ und „Der Knüttelhund in Schwerte“.

Seltenheit

Die Stiche des Bildbands „Das malerische und romantische Westphalen“ werden heute einzeln im Antiquariat für bis zu 600 Euro pro Stück gehandelt. Das Buch ist äußerst selten, insbesondere, weil viele Exemplare zerfleddert wurden, um die auf extradickem Papier gedruckten Bilder herauszutrennen und einzeln zu verkaufen. Der wochenkurier durfte jetzt in einem der wenigen erhaltenen Exemplare blättern. Stich Hohensyburg. Und gleich drei Schwerter Sagen!

Verleger stinksauer

Fast wäre das Buchprojekt damals gescheitert. Der bekannte Dichter Ferdinand Freiligrath hatte von seinem Verleger einen größeren Reisekosten-Vorschuß bekommen. Dann hatte er zwar ein längeres Gedicht verfaßt, das dem Reisebericht vorangestellt werden sollte. Aber anschließend hatte er sich mit dem Geld zu Hause ein schönes Leben gemacht und keine Zeile mehr für das Buch geschrieben. Nach einiger Zeit platzte dem Verleger der Kragen. Er beauftragte Levin Schücking, der dann fleißig den Reisebericht fertigstellte. Freiligrath mußte hingegen bis an sein Lebensende jeden Heller an den stinkesauren Verleger zurückzahlen.

Alles zu Fuß

Die Buch-Autoren waren, wie seinerzeit üblich, zu Fuß unterwegs. Die erste deutsche Eisenbahn war gerade erst vor vier Jahren von Nürnberg nach Fürth gerollt und Postkutschen waren teuer und fuhren längst nicht auf allen Straßen, besser: Karrenwegen zwischen den Dörflein des Landes.

Andere Interessen

Nun hat ein Reiseführer von 1840 inhaltlich nur sehr wenig Ähnlichkeit mit einem heutigen Guide. Die Interessen des Leser-Publikums haben sich völlig verändert. Gute Restaurants, Hotels, Freizeit-Tipps sucht man vergeblich. Wobei das Angebot seinerzeit wirklich sehr beschränkt war. Zudem reiste man entweder geschäftlich, in staatlichen Diensten oder zu Bildungszwecken. Einfach nur so Urlaub machen, Spaß haben? Undenkbar vor 172 Jahren!

„Politische“ Infos

Der Reisende von 1840 wollte als wichtigste Information über die Person des Landesherren informiert werden, über seine Familie und die geschichtlichen Zuwächse und Niedergänge seines Herrschaftsbereichs. Diese Erörterungen nehmen regelmäßig weit über die Hälfte der damaligen Reiseberichte in Anspruch. Es ist ein wenig so, als ob in einem heutigen Reiseführer zunächst in aller Ausführlichkeit die demokratischen Institutionen eines Urlaubsziels beschrieben werden, die Namen aller Abgeordneten und Amtsinhaber, die Veränderung der Personalien über die Jahrzehnte, die Gesetzgebung in ausführlichster Breite usw. Welcher Urlauber würde das heute lesen wollen? – Andere Zeiten, andere Vorlieben.

Beste Unterhaltung „anno dunnemals“

Das nächste wichtige Thema in den alten Reiseführern ist die ausführliche, schwülstige Landschaftsbeschreibung – für uns heute trotzdem mit Gewinn zu lesen und spannend, die Veränderungen zu vergleichen. Aber der dritte Schwerpunkt wirkt aus heutiger Sicht schon wieder echt verstaubt. Sagen und Märchen, Liedern und Gedichten einer Region – wie gesagt, in drei Gedichten werden Schwerter Sagen poetisch nacherzählt – wird breitester Raum gewidmet. Das war beste Unterhaltung für unsere Ur-Ur-Vorfahren! Wir multimedial überfütterten Menschen von heute winken da nur müde ab.

(Fortsetzung folgt)