„Russland braucht Demokratie von unten!“

Ergste. (NO) Seine vielfältigen Interessen und Kontakte haben Dr. Ing. Joachim von Hirsch, Jahrgang 1937, schon in viele Länder geführt. Zuletzt, in der ersten Septemberhälfte, ging es im Rahmen einer vom Verband Deutscher Ingenieure (VDI) organisierten Fahrt mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking. Drüber hat der Wochenkurier in seiner letzten Ausgabe berichtet.

Was Dr. Ing. von Hirsch rückblickend auch jetzt noch nachdenklich stimmt, ist der Unterschied zwischen Russland und China. So machte Russland auf den Reisenden aus Ergste einen eher enttäuschenden Eindruck. Viele Möglichkeiten – auch in Bezug auf die Bestellung des mehr als reichlich vorhandenen Grund und Bodens – werden offenbar nicht genutzt, Chancen werden vertan. Ganz anders China, das von Hirsch als aufstrebend und kraftvoll wahrnahm. Doch liegt die Entwicklung Russlands dem ehemaligen Geschäftsführer von Hundhausen in Schwerte durchaus am Herzen.

Mittelstand fehlt!

Zurzeit, so Dr. Ing. von Hirsch, werde zu wenig dafür getan, das Land sowohl wirtschaftlich wie gesellschaftlich zukunftsfähig zu machen. „In Russland herrscht ein Mangel an Fachkräften, es gibt viel zu wenig kleine und mittlere Unternehmen. Doch gerade der Mittelstand muss auf- und ausgebaut werden, denn er ist die tragende Säule von Wirtschaft und Gesellschaft!“ Damit Hand in Hand ginge der Aufbau einer „Demokratie von unten“, denn Russland benötige dringend engagierte Menschen, die mitdenken und mitmachen. Da liege noch einiges im Argen. Von Hirsch gibt zu bedenken: „Als Reformer ist Gorbatschow unten nicht angekommen.“ Ein Defizit, das noch nicht behoben sei.

Chance durch Duale Ausbildung

Damit Russland seine Potentiale zu nutzen lernt, plädiert Dr. Ing. Joachim von Hirsch für Unterstützung im Rahmen des Modells der „Dualen Ausbildung“. (Die meisten staatlich anerkannten Ausbildungsberufe sind nach dem dualen System aufgebaut. „Dual“ beschreibt eine zweigeteilte Form der Ausbildung an zwei verschiedenen Ausbildungsorten: In der Berufsschule wird das theoretische Fachwissen vermittelt, im Betrieb praktische Kenntnisse und Fertigkeiten.)

Multiplikatoren

Der Ergster hält einen Austausch zwischen deutschen und russischen Betrieben im Rahmen der „Dualen Ausbildung“ für dringend geboten und wäre froh, wenn sich auch vor Ort eine Kooperation dieser Art entwickeln könnte: „Die jungen Russen, die drei Jahre in Schwerte ein Handwerk gelernt haben, lernen die Demokratie in der Praxis kennen. Dann können sie ihr Wissen als potentielle Multiplikatoren in ihre Heimat tragen und mithelfen, dort einen soliden Mittelstand aufzubauen!“

Das könne freilich nicht von heute auf morgen geschehen. Doch eine Aufbauarbeit dieser Art werde in Zukunft reiche Früchte tragen, ist Dr. Ing. Joachim von Hirsch überzeugt. Und von einem stabileren Russland, das seine Potentiale nutzt, könne nicht zuletzt auch Deutschland profitieren.