Schwerter Stenoverein macht „dicht“

Schwerte. (NO) „Stenografie wird nicht mehr gebraucht, die Kurzschrift wurde von der Technik überholt“. Hermann Glade, bislang 1. Vorsitzender des Schwerter Stenografenvereins 1936, blickt der Wahrheit ins Gesicht. „Nach 77 Jahren, in denen tausende junger Menschen Steno und Maschinenschreiben gelernt haben, ist jetzt Schluss. Wir haben den Verein aufgelöst.“ Wir – das waren zuletzt ohnehin nur noch zwei Personen: Glade, 73, und seine Mitstreiterin, die einstige 2. Vorsitzende Gertraude Röder, 71.

Lang ist’s her…

Lang ist es her, als im Mai 1936 die Schwerter Stenografenschaft im Brauhaus Stens in der Bahnhofstraße in Schwerte gegründet wurde. Hermann Glade: „Sechs geliehene Schreibmaschinen standen im Gesellschaftszimmer zur Verfügung, im Raum nebenan wurde Kurzschrift unterrichtet.“ Kurt Rauleff und Karl Scheidt haben sich nach dem Krieg sich in Schwerte für die Verbreitung der Kurzschrift verdient gemacht. 1955 stieß Hermann Glade zum Verein, dessen Vorsitz er 1978 übernahm. Gertraude Röder wurde 1958 Mitglied. Beide erzielten im Verein beste Leistungen und legten nebenbei das Staatsexamen als Kurzschrift- beziehungsweise Schreibmaschinenlehrer ab. Lange Jahre im Schwerter Stenoverein aktiv war auch Resi Kleineheinrich, die vor 52 Jahren eintrat und ihm Jahrzehnte als Schriftführerin treu zur Verfügung stand.

1000 Schreiber nach Schwerte

Hermann Glade: „Seit einigen Jahren wurde ohnehin nur noch auf der Schreibmaschine das Tastenfeld für den PC erarbeitet, die Nachfrage nach Kurzschrift ist völlig eingeschlafen, heute setzt man auf technische Hilfsmittel. Der größte Boom unseres Vereins war zwischen den 50er und 70er Jahren. Ich erinnere mich noch gut an 1955, als zu einem Bezirksleistungsschreiben 1000 Schreiber nach Schwerte kamen. Der Freischütz-Saal war fast zu klein, um die Siegerehrung bei Tanz und Unterhaltung zu feiern. Zum Schreibmaschinen-Wettbewerb wurde der Saal des Kreinberg Schwerte-Ost angemietet, in dem 50 geliehene Maschinen aufgestellt waren.“

Hier steht: „Schwerter Stenografenverein: Nach 77 Jahren ist Schluss“. (Foto: NO)
Hier steht: „Schwerter Stenografenverein: Nach 77 Jahren ist Schluss“. (Foto: NO)

Silberner Lorbeerkranz

Auch bei den Kurzschrift-Übungsabenden in der ehemaligen Berufsschule am Stadtpark waren die Räume immer gefüllt. So konnte eine Klasse von 14 Schülerinnen und einem Schüler – das war Hermann Glade – im Jahre 1957 zum Verbandsleistungsschreiben nach Düsseldorf fahren. Alle bestanden die Prüfung – fünf Minuten Steno à 160 Silben – mit den Noten befriedigend bis sehr gut. Für diese Leistung erhielten alle Teilnehmer das Leistungsabzeichen mit silbernem Lorbeerkranz vom Deutschen Stenografenbund. „Das hatte es in Schwerte noch nie gegeben“, blickt Glade etwas wehmütig auf die Glanzzeiten der Stenografie zurück.

1962 bis 1982 unterrichte Hermann Glade am FBG das Fach Maschinenschreiben. Zu dieser Zeit reichten die 30 Schreibmaschinen meist nicht aus. 1982 übernahm Gertraude Röder die Kurse im Tastschreiben, damals für die Schreibmaschine, später für den PC. „Das Alter der Schüler ist stark gesunken, weil heute schon Zehnjährige einen PC haben und darauf schnell schreiben möchten. Zuletzt kamen noch einige junge Mütter mit ihren Kindern, um zu lernen, das Tastenfeld ’blind’ zu bedienen“, so Gertraude Röder.

Liebesbriefe in Steno

Die Technik hat die Kurzschrift überholt. In Gerichten und Anwalts-Kanzleien war Steno nicht wegzudenken, bis das Diktiergerät und der PC kamen. Heute gibt es schon Automaten, die das gesprochene Wort in Schrift umsetzen. Hermann Glade jedoch ist der gelieben Kurzschrift treu geblieben. Noch heute schreibt er alle Notizen und Protokolle in Kurzschrift. Selbst die Liebesbriefe mit seiner heutigen Frau notierte er einst in Steno, damit die Eltern das nicht lesen konnten. So gewann die Stenografie zumindest für Glade auch eine romantische Komponente.