Tatort Kinderzimmer

Schwerte. (PeM, 24.04.2010)

Der PC im Kinderzimmer ist für viele Haushalte längst Normalität. Die Motivation der Eltern, die Kinder möglichst früh an den richtigen Umgang mit dem Medium Computer zu gewöhnen, ist dabei nur allzu verständlich. Schließlich ist der Rechner aus unserem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken. Schon deshalb gehen auch Schulen immer mehr dazu über, den Computer als Arbeitsmittel für den Unterricht zu nutzen.

Doch Vorsicht! Das „World Wide Web“ bietet nicht nur eine ungeahnte Fülle an Informationsmöglichkeiten, es ist auch ein idealer Ort für kriminelle Machenschaften. Dubiose Scheinfirmen treiben hier ihr Unwesen, windige Anbieter stellen „Abofallen“ für die Nutzer auf und extreme Wirrköpfe verbreiten hier ungehemmt ihre verdrehten Ansichten. Kein Ort also an dem sich Kinder unbeaufsichtigt aufhalten sollten.

Besonders schlimm sind in diesem Zusammenhang die Fälle von Kindesmissbrauch im Netzt, deren Zahl rapide ansteigt. Kaum jemand weiß um diese Gefahren. Dass die Sprößlinge quasi im Nebenzimmer über den Computer Opfer pädophiler Triebtäter werden könnten, ist für die Meisten Eltern völlig unvorstellbar. So‘n bisschen surfen?- Was soll da schon passieren.

Eine ganze Menge, wie Heike Redlin und Petra Landwehr vom Kommissariat Vorbeugung der Kreispolizeibehörde Unna bestätigen können. Seit vielen Jahren beschäftigen sich die Kriminalbeamtinnen sexuellem Missbrauch im Netz. Seit fünf Jahren bieten sie Vorträge für Eltern, Lehrer und andere interessierte Personen an, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen.

Und die sind nicht zu unterschätzen. Mussten pädophile Triebtäter sich vor Jahren noch in den öffentlichen Raum begeben um ihre Opfer dort auf Straßen oder Spielplätzen direkt anzusprechen, kann das heute völlig unerkannt in Chatrooms und Internetforen geschehen. Ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden, treffen sie ihre Opfer über das Internet direkt im eigentlich geschützten Bereich der elterlichen Wohnung an und haben so nur allzu leichtes Spiel.

„Gut 70 Prozent der Eltern wissen überhaupt nicht, was ihre Kinder im Internet treiben, welche Seiten sie besuchen und welche Kontakte sie pflegen“, berichtet Heike Redlin aus ihrer langjährigen Erfahrung. „Die Kinder verbringen ganze Nachmittage allein vor dem Bildschirm, wobei in der Regel schon Fünftklässler über einen internetfähigen PC verfügen“.

Dass Eltern die damit verbundenen Gefahren nicht sehen, hängt zum einen damit zusammen, dass ihnen meist das nötige Wissen im Umgang mit der Technik fehlt und zum anderen, dass Erwachsene den Computer völlig anders nutzen als Jugendliche. „In unseren Veranstaltungen zeigt sich immer wieder, dass fast alle Eltern sich regelmäßig über das Internet Informationen besorgen, aber kaum jemand war jemals in einem Chatroom. Bei den Jugendlichen hingegen nutzen rund 95 Prozent diese virtuellen Kommunikationsplattformen um mit anderen ins Gespräch zu kommen und genau hier lauert die größte Gefahr“, so die Kriminalhauptkommissarin.

Beim Chatten geben sich die pädokriminellen Täter als gleichaltrige Schüler aus und suchen mit harmlosen Fragen nach ihren Opfern. „Schon bald werden die Kinder dann mit intimen Fragen wie ‚Hast du schon Brüste?‘ oder ,Hast du schon deine Tage?‘ bedrängt. Bei unseren Vorträgen suchen wir direkt vor den Augen der Eltern diese Chatrooms auf und geben uns als jugendliche Chatter aus. In sieben von zehn Fällen dauert es nur wenige Minuten bis solche Fragen kommen.“

Anzügliche Fragen sind der erste von fünf Tathandlungen, in die die Polizeibeamtinnen den Missbrauch im Netz einteilen können. „In einem weitere Schritt folgt dann das Zusenden von Fotos, wobei die Kinder nicht selten mit üblem pornografischem Material konfrontiert werden. Das sind Dinge, die Kinderaugen wirklich nicht sehen sollten“, so die Kriminalbeamtin.

Spätestens jetzt sollten die Kinder ihre Eltern informieren, doch das passiert in den seltensten Fällen. „Die Kinder sind schockiert, schweigen aber, weil sie sich schämen, weil sie sich keine Blöße geben wollen oder weil sie Angst vor Strafen haben“, so Heike Redlin. Frei nach dem Motto „Wenn das meine Eltern rauskriegen, darf ich nie wieder an den Computer!“ behalten die Kinder ihre Erlebnisse für sich.

Ist der Kontakt aber soweit hergestellt, lassen die Täter nicht locker und versuchen unverhohlen ihr Ziel zu erreichen. Sie fordern die Kinder auf, sich doch selbst mal bei sexuellen Handlungen zu filmen oder einfach mal ein Foto von sich zu schicken. „Aus dem zugesandten Material machen die Pädokriminellen dann mittels gekonnter Bildbearbeitung Pornofilme mit denen sie ihre Opfer erpressen können. Letztendlich folgt dann die Aufforderung sich auch im realen Leben zu treffen“, beschreibt Heike Redlin die konkrete Gefahr.

Die Anzahl der „Chat-Opfer“ ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, wie die Ermittler vermuten. Dennoch liegen kaum Anzeigen aus diesem Bereich vor. Der Missbrauch im Netz passiert im Verborgenen und ist nur schwer zu ermitteln, da die Täter am Computer enorm fit sind.

Doch wie können Eltern ihre Kinder dann schützen? Darf angesichts dieser Gefahren der PC im Kinderzimmer stehen bleiben? „Das Internet oder den Umgang mit dem Computer zu verbieten ist sicherlich keine Lösung“, versichert Heike Redlin. „Die Kinder können sich heute fast überall Zugang zum Internet verschaffen. Sinnvoller ist es, die Kinder zu begleiten und sie auf die Gefahren hinzuweisen. Wenn ein Kind einen gewissen Chatroom besuchen möchte ist es sinnvoll, sich gemeinsam anzumelden und sich dort erst einmal gemeinsam ‚umzusehen‘. Dazu muss allerdings auch die Medienkompetenz der Eltern steigen.“

Dass die Kinder im eigenen Haus missbraucht werden könnten ist für viele Erwachsene unvorstellbar. Aber die Gefahr ist sehr groß. Ebenso wie sich besorgte Eltern ein Bild von den realen Freunden ihrer Kinder machen, sollten sie sich auch für deren Internetkontakte interessieren. So wie sie sich dafür interessieren wo sie hingehen und mit wem sie sich treffen, sollten Eltern auch ein Auge auf die virtuellen Aufenthaltsorte ihrer Kinder haben.

Generell empfehlen die Experten, niemals reale Daten im Internet zu veröffentlichen. Namen, Adressen, Telefon und Handynummern oder gar Kontodaten haben im Internet nichts verloren. Auch Fotos von sich oder gar von Freunden sollten nicht gedankenlos ins Netzt gestellt werden. Wer beim Chatten einen sogenannten „Nickname“ verwendet sollte darauf achten, dass keine Rückschlüsse auf Alter und Geschlecht möglich sind. Namen wie „susi12“ sollten also tunlichst vermieden werden. Und „blöde Gespräche“ sollte man sofort abbrechen.

Wer Fragen zu den Gefahren eines Missbrauchs im Internet hat, kann sich unter 02307/ 9214504 an Heike Redlin oder unter 02307/ 9214512 an Petra Landwehr wenden. Weiter gehenden Infos zum Thema sowie Hinweise auf sichere und überwachte Foren finden Eltern, Lehrer und Jugendliche unter www.kindersindtabu.de, www.zartbitter.de, www.klicksafe.de, oder unter www.ajs.nrw.de.