Von der Schwerter Tartanbahn in den Eiskanal

[1/2] Keine Rutschgefahr: Wenn der Schwerter Matthias Sommer und seine Teamkollegen mit dem Bob den Eiskanal herunterfahren

[1/2] Keine Rutschgefahr: Wenn der Schwerter Matthias Sommer und seine Teamkollegen mit dem Bob den Eiskanal herunterfahren, dann sind sie richtig schnell unterwegs. Schließlich gehört das Quartett zu den schnellsten deutschen Teams und muss auch den inte

Schwerte. (hc) Es ist eine ungewöhnlich gewöhnliche Karriere, die Matthias Sommer da hingelegt hat. Als Leichtathlet nahm ihn ein Freund mit zum Bobsport und prompt stellte sich dort der Erfolg ein. Was allerdings ungewöhnlich ist, ist das Sommer nicht aus Garmisch-Partenkirchen oder Berchtesgaden kommt – sondern aus Schwerte.
Der kleine Ort an der Ruhr hat sich zu einem Hotspot des Bobsports entwickelt. Gleich mehrere Topathleten kommen aus Schwerte, so wie Bennet Buchmüller oder Pablo Nolte. Und eben Matthias Sommer. Der 25-Jährige hat erst vor drei Jahren mit dem Bobsport begonnen. Ein Spätstarter ist er deswegen nicht. Denn: Erst ab 18 Jahren ist es überhaupt gestattet im Zweier- oder Vierer-Bob den Eiskanal hinunter zu flitzen.
Vom Sprinter zum Anschieber
Sommer gehört zu den Anschiebern in seinem Team. Der Hüne war zuvor ein sehr guter 100- und 200-Meter-Sprinter, ehe es ihn zum Bob zog. Auch die anderen Schwerter waren Leichtathleten: „Bennet und Pablo waren aber eher Werfer“, erklärt Sommer einen Unterschied zu den beiden Piloten. Doch der Sportsoldat, der zudem sein Studium absolviert, ist nicht irgendein Anschieber. Beim letzten Leistungstest der Nationalmannschaft war er der Schnellste und schaffte es in das Team von Pilot Johannes Lochner. Eine Besonderheit im Bobsport ist nämlich, dass der Pilot sich seine Crew aussuchen kann. Das kann nach verschiedenen Gesichtspunkten funktionieren. Der eine achtet auf große Harmonie in seinem Team, der andere nimmt einfach den schnellsten Anschieber und wieder andere suchen sich das beste Gesamtpaket aus. Das Paket, das Sommer schnürrt, reichte auf jeden Fall für WM-Teilnahmen im Junioren- und Seniorenbereich sowie für die Nominierung für den Weltcup.
Wendepunkt
Binnen kürzester Zeit wurde somit sein Leben und auch seine Lebensplanung auf den Kopf gestellt. Profisportler, Olympiateilnahme und vieles mehr eröffnete sich für Sommer nach seinem Wechsel von Tartanbahn in den Eiskanal. Wettkämpfe in Korea, Kanada und Co. stehen nun auf dem Plan anstelle des Lebens eines Vollzeitstudenten. „Das hatte ich mir vorher sicherlich nicht so ausgemalt, aber ich nehme es natürlich gerne an“, erklärt Sommer. Seine steile Karriere sieht der junge Mann aber ganz nüchtern und sehr reflektiert. „Mit dreißig ist Schluss“, ist sein Statement dazu, dass er den Bobsport als Zwischenstation auf seinem Lebensweg sieht.
Olympia im Fokus
Im Moment aber hat er natürlich klare Ziele: Eins davon ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Es wäre das absolute Highlight in der Sportlerkarriere von Matthias Sommer. Als Leichtathlet hätte er, nach eigener Einschätzung, sicherlich nicht die Möglichkeit an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Gerade deshalb ist er jetzt motiviert alles dafür zu tun, um dieses Ziel zu erreichen. Dazu gehört nicht nur ein intensives Kraft- und Ausdauertraining, sondern auch eine Verletzungsprofilaxe. Diese betreibt er in seiner Heimat Schwerte. Mit speziellen Übungen für den Rücken soll nämlich bobtypischen Beschwerden vorgebeugt werden. „Die Belastung kommt nicht nur durch das gekrümmte Sitzen, sondern vor allem durch die Schläge die die Wirbelsäule wegen der unebenen Eisbahn abfangen muss“, erklärt Sommer die Besonderheiten. Denn: Was im Fernsehen so schön eben ausschaut ist oft ein Buckelpiste. Durch das stetige Auftauen und wieder Einfrieren der Oberfläche bleibt der Eiskanal logischerweise nicht glatt, sondern verwandelt sich in eine für den Rücken sehr unangenehme Angelegenheit.
Vorbeugen
Um in den entscheidenden Momenten dennoch fit zu sein, vertraut er auf die Expertise seiner Fitnesstrainer und Physiotherapeuten, aber zudem auch auf sein vorbeugendes Training. Zwei Trainingseinheiten pro Tag absolviert Sommer in der Vorbereitung. Dazu zählen diverse Stunden in Krafträumen, um vor allem noch mehr Muskelmasse aufzubauen. Auch wenn dies, aus Sicht eines Laien, schon eindrucksvoll gelungen ist, zeigt sich Sommer nicht ganz zufrieden. Er ist nämlich immer noch „zu leicht“. 110 Kilogramm müsste er wiegen, um zu den Topanschiebern Deutschlands aufzusteigen.
Nichts zu sehen
Übrigens: Wer sich mal gefragt hat, wie viel ein „Mitfahrer“ im Bob von so einer rasanten Abfahrt mitbekommt, dem sei gesagt: „Nicht viel! Man kennt die Kurven und weiß, was kommt, aber je nach Position sieht man wenig bis fast gar nichts. Mal ein Blick zu Seite, aber da sieht man ja nicht viel“, löst Sommer auf. Wenn es mit hoher Geschwindigkeit durch den Eiskanal geht, dann ist ein großer Teil seiner Arbeit schon getan. Ein wichtiger Teil seiner Laufbahn mit zwei möglichen Olympia-Teilnahmen liegt allerdings noch vor ihm.