Woyzeck und die Bankenkrise

Schwerte. (Red.) Mit einem Klassiker des deutschen Dramas beginnt das Theater am Fluss seine Jubiläumsspielzeit. Unter der Regie von Lars Blömer hat Georg Büchners „Woyzeck“ am Freitag, 28. September, um 19.30 Uhr Premiere im „Theater am Fluss“ in Halle 4 der Rohrmeisterei. Weitere Vorstellungen sind am 1., 2., 4., 5. und 6. Oktober 2012 jeweils um 19.30 Uhr.

Die Handlung des 1879 abgeschlossenen, aber erst 1917 uraufgeführten Stückes lässt zunächst nicht allzu viele aktuelle Bezüge vermuten. Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind finanziell unterstützen muss, arbeitet als Laufbursche für seinen Hauptmann. Um sich einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold zu sichern, lässt er sich von einem skrupellosen Arzt zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen. Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck nicht nur physisch und psychisch aus, sondern demütigen ihn obendrein in aller Öffentlichkeit. Als Marie heimlich eine Affäre mit einem Offizier beginnt und Woyzecks aufkeimender Verdacht zu bestätigen scheint, glaubt er, innere Stimmen zu hören, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Auf einem abendlichen Spaziergang ersticht er Marie.

Das als Episoden-Drama angelegte Stück lässt mehrere Deutungsschwerpunkte zu: Eifersuchtsdrama, psychische Störung bei Woyzeck und Befreiung von der Gesellschaft.

Als Bogen zur Aktualität entscheidet Blömer sich für den dritten Aspekt. Woyzeck wird von der Gesellschaft, repräsentiert von Hauptmann, Doktor und Tambourmajor, ausgenutzt und gedemütigt. Sein Mord an Marie ist somit auch eine im Grunde sinnlose Form des Protests gegen die bestehenden Verhältnisse. Der Ausbruch seiner aufgestauten Aggression richtet sich gegen die etablierte Klasse, der er ausgeliefert ist.

„Woyzeck ist für mich ein Schlüsseltext der deutschen Literatur“, sagt Lars Blömer. „Hart, schnell, brutal und zeitgenössisch stelle ich den Woyzeck im Zeitalter der Konsumgesellschaft und der Bankenkrise dar. 65 Minuten Theater, das an die Nieren geht und eine moderne Interpretation des Konfliktes Individuum und feindliche Gesellschaft bietet.“