Der Wunschberuf kann nah liegen: Der Fachkräfte-Mangel hat den Kreis im Griff

Eine geringe Arbeitslosenzahl, eine hohe Zahl offener Stellen. Jobcenter-Geschäftsführer Volker Riecke, Arbeitsvermittler Dominik Hausherr, Agentur-Chefin Sandra Pawlas und Berufsberater Henning Preuß (v.l.) hatten Gutes zu berichten.(Foto: A. Schneider)

Iserlohn/Hemer. (as) Seit Jahren schon wird immer wieder über den Fachkräftemangel debattiert. Doch Hand aufs Herz – eigentlich verorten wir ihn irgendwo in der Zukunft. Dabei ist er längst auch in Iserlohn und Hemer angekommen. Wer mit offenen Augen durch die Städte geht, kann ihn gar nicht übersehen. Mit großen Aushängen werben Autohäuser für sich und um kluge Köpfe, die ihr Wissen um Diesel-, Benzin oder Elektroantriebe in ihren Dienst stellen möchten. In beinahe jeder Boutique, die auf Beratung setzt, in jeder Bäckerei oder Metzgerei werden händeringend Fachverkäufer gesucht – von all den pfiffigen Leuten, die in den Backstuben neue Brotrezepte erfinden oder die Lieblingswurst der heimischen Jugend kreieren, einmal ganz zu schweigen.

Ausbildung ist beste Prävention

„Der Kampf um die Köpfe hat längst begonnen“, sagt Sandra Pawlas, Chefin der Agentur für Arbeit Iserlohn. Gut ausgebildete Fachkräfte werden umworben wie nie zuvor. „Langzeitarbeitslose“, sagt Volker Riecke, Geschäftsführer des Jobcenters Märkischer Kreis, „haben zurzeit eine echte Chance.“
Der Arbeitsmarkt im Märkischen Kreis ist, wie es Sandra Pawlas, formuliert, „aufnahmefähig wie nie zuvor“. Oder jedenfalls wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch die Agentur-Chefin warnt zugleich. Der einfache Job, das schnelle Geld verführe auch junge Menschen. Doch der Arbeitsmarkt könne sich wieder ändern. „Ausbildung ist die beste Prävention gegen Arbeitslosigkeit“, sagt sie.
Für Sandra Pawlas, Volker Riecke und ihre Teamsbedeuten die hohen Zahlen an gemeldeten Stellen jedoch auch eine Herausforderung: „Es wird zunehmend schwerer, die Wünsche der Arbeitgeber zu erfüllen“, sagt die Agentur-Leiterin.
„Wir sprechen von einem Bewerbermarkt“, führt Sandra Pawlas weiter aus. Das heißt: Auf eine offene Stelle kommen im Märkischen Kreis gerade einmal zwei Bewerber aus dem „Pool“ der arbeitslos Gemeldeten. Gut ausgebildete Fachkräfte werden mit Handkuss genommen.

Studium ist nicht immer Königsweg

Immer häufiger aber gilt es auch für die Arbeitgeber, nach Bewerbern zu schauen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht die Top-Kandidaten zu sein scheinen. Arbeitsvermittler Dominik Hausherr erzählt, dass auch Weiterqualifizierung innerhalb der Betriebe zunehmend ein Mittel ist, den Facharbeitermangel wenigstens mittelfristig etwas zu lindern. So bekommen engagierte Mitarbeiter die Chance, sich zu gesuchten Fachkräften weiterzubilden.
Das gilt natürlich auch für Arbeitslose ohne Berufsabschluss oder mit Berufen, die heutzutage nicht sehr gefragt sind. Doch Sandra Pawlas weiß, dass solch eine Ausbildung oder Umschulung für viele Menschen auch Probleme mit sich bringt. Wer eine Familie zu ernähren hat, wird häufig eher den gering qualifizierten Job ergreifen, als Jahre lang weniger zu verdienen als in dem einfachen Job, um eine Weiterbildung beenden zu können. „Hier ist auch die Politik gefragt“, sagt die Agentur-Chefin. Sie denkt an Einkommenszuschüsse für Menschen, die sich auf das Abenteuer späte Ausbildung oder Weiterbildung einlassen. Einen finanziellen Anreiz, der auf jeden Fall über dem Arbeitslosengeld liegen sollte.
Ein Studium, davon ist Sandra Pawlas überzeugt, muss nicht unbedingt der Königsweg für den Einstieg in den Beruf sein. Es werden händeringend Fachkräfte gesucht – im Bauhauptgewerbe oder beispielsweise in den Gesundheitsberufen.
„Wenn das so weiter geht, sitzen wir in zehn Jahren alle zu Hause und warten bei Problemen auf den 70-jährigen Elektriker“, wirft Volker Riecke ein. Das ist nicht überspitzt. In den Baugewerben, seien es Hoch- und Tiefbau, aber auch Elektro-, Heizungs- und Sanitär-Installationen, im Zimmerei-, Maler- oder Dachdeckerwesen, fehlt es einfach an Nachwuchs. Stellen Sie sich vor: Ihre Heizung versagt. Sie wollen sich über die neuesten Techniken informieren, doch der nächste Termin, den Ihnen die Fachleute vor Ort nennen können, liegt irgendwo in einer fernen Zukunft.

Nicht der Roboter deckt das Dach

Die Arbeit im „Blaumann“ scheint nicht sehr begehrt zu sein. Eltern und Großeltern sehen ihren Nachwuchs eben lieber an der Uni oder wenigstens im Büro, aber bloß nicht mit schmutzigen Händen. Berufsberater Henning Preuß muss lächeln. Manchmal können Wunschberufe so nah liegen. „Oft muss ich jungen Leuten erklären, dass ein Sanitäranlagenmechaniker viel mehr ist als ein Klempner, wie man ihn von den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennt“, sagt er. „Hier geht es darum, ganze Anlagen zu betreuen, Programme zu schreiben.“ Hier werden einige Jugendliche schließlich doch hellhörig.
Gerade das Handwerk und die Industrie bietet jungen Menschen viele Entwicklungschancen. Zwar haben sich viele Berufsbilder verändert, haben viel mit Robotern oder dem Einsatz von Computern zu tun, wo man es auf den ersten Blick nicht erwartet. Doch manchmal bleibt auch die gute, alte Handarbeit: „Nicht der Roboter deckt das Dach“, sagt Sandra Pawlas. „Wir Menschen sind weiterhin gefragt und unverzichtbar.“

Anzeige