Leseherbst: Niemand ist vor diesem Killer sicher

Haben Sie schon einmal etwas Falsches getan und waren überzeugt, dass es dennoch das Richtige war? Ja? Nein? Der Gedanke an Selbstjustiz ist in jedem Menschen verankert, bei manchen mehr ausgeprägt, bei anderen weniger. Doch jeder kennt die Situation, in der er bereit wäre eine Grenze zu überschreiten, obwohl die Regeln oder Gesetze etwas anderes sagen.

Gerade Polizisten haben einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn und werden Tag für Tag enttäuscht, wenn ein in ihren Augen schuldiger Mensch ohne Strafe davon kommt. So auch Detective William Oliver Layton-Fawkes, genannt Wolf. Der Held, oder besser gesagt Anti-Held, der von Autor Daniel Cole geschaffen wurde, wird sein Gerechtigkeitssinn zum unüberwindbaren Hindernis. Er versucht einen freigesprochenen Angeklagten tot zu prügeln. Das der Mann wirklich der ist, für den „Wolf“ ihn hält, sorgt nicht für eine Wiederherstellung der Reputation des Detectives. Vielmehr muss er mit den Folgen seines Handelns – gescheiterte Ehe, Einweisung in eine Anstalt für psychische Krankheiten, Verlust von Status und sozialem Umfeld – klar kommen.

Der Wiedereinstieg in den Polizeidienst klappt nur bedingt, unkonventionelle Methoden und ein sturer Kopf entscheiden über den Werdegang des Gesetzeshüter. Erst als sein damaliger – inzwischen verhafteter – Widersacher als Teil einer verstörenden Puppe aus Leichenteilen in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung wieder auftaucht, gerät „Wolf“ wieder ins Rampenlicht. Wer ist dieser bestialische Mörder, der zudem der Presse eine Todesliste zuspielt? „Wolf“ stürzt sich in die Ermittlungen, um den Killer ausfindig zu machen. Und das aus gutem Grund: Ein Name auf der Liste ist ihm nämlich sehr gut bekannt.

Daniel Cole ist Thrillerdebüt gelungen, dass fesselnd und „abstoßend“ zugleich ist. Die menschlichen Abgründe, die sich Cole für seine Täter überlegt sind sehr tief und dunkel. Mit viel Raffinesse und Ideenreichtum hinterlässt er einige Leichen auf den Seiten seiner Bücher. Das befriedigt einerseits den Voyeurismus der Leserinnen und Leser, die sich zwar vor den schrecklichen Erlebnissen der Opfer abgestoßen, aber zeitgleich auch angezogen fühlen. Es ist teilweise die Perversion, die Gefühlskälte die so faszinierend ist. Der besondere Clou von Cole ist dabei, nicht zu sehr in die Fiktion abzugleiten. Es wirkt immer noch realistisch. Das ist der Grund, warum Cole wahrscheinlich auch so einen Erfolg bei den Lesern weltweit hat.

Mein Fazit: Ragdoll ist ein brillantes Debüt von Daniel Cole. Der Brite aus Südengland schafft es mit seinem Buch zu fesseln. Egal ob am Strand oder der heimischen Couch – man fühlt sich ins regnerische London und mit in das Geschehen gebeamt. Seite nach Seite kann man verschlingen ohne müde zu werden, denn die Suche nach dem Mörder lässt dem Leser das Adrenalin ins Blut schießen. Vorsicht: Suchtgefahr!


Daniel Cole: Ragdoll
Ullstein
480 Seiten
Erschienen am 27. März 2017
ISBN: 9783843714716