Leseherbst: Wenn Martha tanzt

Hagen. Dass das Tagebuch seiner Urgroßmutter Martha einmal so viel Geld bringen würde, ahnt der Enkel nicht. Er reist nach New York, um das im Nachlass seiner Großmutter gefundene Notizbuch seiner Urgroßmutter Martha bei Sotheby’s versteigern zu lassen. Der Inhalt ist spektakulär: Es enthält bislang unbekannte Skizzen und Zeichnungen von Feininger, Klee, Kandinsky und anderen Bauhaus-Künstlern. Martha, 1900 in einem kleinen Pommerschen Dorf geboren, wächst als Tochter eines Kapellmeisters auf. Sie ist weniger musikalisch, schafft aber den Schritt ans Bauhaus in Weimar. Dort entdeckt sie die Ausdrucksform Tanz für sich und trifft dort eben diese später berühmten Künstlerkollegen, die ihr Tagebuch als Skizzenbuch nutzen. Als das Bauhaus aufgrund der Situation in Deutschland schließen muss, kehrt sie zurück in ihr Dorf, um dort zu heiraten und eine Tanzschule zu eröffnen. Das Glück ist von kurzer Dauer, auf der Flucht vor dem Zweiten Weltkrieg verliert sich ihre Spur und auch das Tagebuch endet abrupt.

Bis es der Enkel schließlich bei seiner Großmutter entdeckt, vergehen einige Jahrzehnte. Dieser ist fasziniert von dem Nachlass und beginnt, die Geschichte neu zu schreiben. Er ahnt das für ihn und den Leser überraschende Ende nicht, als er die neue Besitzerin des Tagesbuches kennenlernen darf und sich hinter ihrer bewegenden Lebensgeschichte ein schreckliches Schicksal verbirgt.

Der Autor und Psychotherapeut Tom Saller hat in seinem Debütroman geschickt zwei Erzählstränge miteinander verwoben. Zum einen kommen der Enkel und sein Leben zu Wort, zum anderen wird das Leben von Martha beleuchtet. Es braucht ein bisschen Zeit, bis man sich eingelesen hat, doch nach einigen Seiten überwiegt die Spannung und die Frage, was aus der jungen und engagierten Frau geworden ist. Auch die Umstände rund um das Bauhaus und die widrigen Zeiten vor dem Nazitum lässt Tom Saller nicht unerwähnt und versetzt den Leser so in eine andere Zeit.

Mein Fazit: Eine Frage interessiert von Anfang an: Was ist mit Martha geschehen? Von der ersten bis zu den letzten Seiten begleitet dieser Gedanke und das Ende ist tatsächlich mehr als überraschend, aber durchaus logisch. Tom Saller gelingt es, die Spannung aufrecht zu halten. Der Leser kann sich auf das Leben beider Protagonisten einlassen. Ein Buch mit historischem Hintergrund, das man kaum mehr aus der Hand legen mag und das Kurzweil verspricht.

Tom Saller: Wenn Martha tanzt Ullstein-Verlag ISBN-13 9783471351673 288 Seiten Erschienen am 9. März 2018