Artensterben

Als in der elften Klasse der Lehrer die Jugendlichen fragt, wer denn mit seinen Großeltern unter einem Dach lebe, geht nur ein einsamer Finger zaghaft in die Luft. Ups – ein Exot!

Im modernen Indien – so hört man – können einsame ältere Menschen über eine Agentur Leih-Enkel anheuern. Für umgerechnet zwei Euro pro Termin bespaßen sie wildfremde Leute als Großeltern, tischen ihnen Kuchen auf, führen sie spazieren oder hören ihnen einfach nur mal zu.

Auch in Japan geht man ab einem gewissen Alter recht schnörkellos mit den älteren Herrschaften um: Dann können die Enkel sie begleiten zum Eignungstest im Straßenverkehr. Wer den nicht ablegt, muss den Führerschein hergeben. Um den Senioren das schmackhaft zu machen, gibt es Rabatt, aber nicht im Theater oder im Restaurant, sondern gleich praktisch gedacht und letztlich auch irgendwie naheliegend beim Bestatter.

Darüber jetzt einfach nur empört blicken wir in die andere Himmelsrichtung rüber in den Wilden Westen. Wie ist es denn da um die Gattung Großeltern bestellt?

Aber ach, in den Vereinigten Staaten von Amerika droht ein Artensterben. Da muss man sich fragen, wie lange es diese liebenswerte Spezies „Omi“ und „Opi“ überhaupt noch geben wird, wenn erst alle Unternehmen dem Beispiel des Computer-Riesen Apple folgen. Der verwöhnt an seinem neuen Hauptsitz seine Mitarbeiter mit viel Grün und einem großen Fitnessstudio. Einen Kindergarten aber spart er sich. Dafür bietet er großzügig den Mitarbeiterinnen im gebärfähigen Alter ein sogenanntes „Social Freezing“ an. Auf Firmenkosten können die jungen Frauen ihre Eizellen teuer einfrieren und aufbewahren lassen. Für später halt. Lieber für viel später. Oder eben nie…

Schönen Sonntag.