Außerirdisch

Foto-Termin im Schweinestall? – Da bin ich redaktionell ein alter Hase. Das kenn ich schon. Da zieht man sich am besten gleich so an, dass das Schweinearoma erst gar keine Angriffsfläche hat.

Am Dienstagmorgen staunen die Kolleginnen nicht schlecht! „Wie siehst du denn aus?“, schallt es mir entgeistert entgegen. „Ich bin für alles gewappnet. Ich muss gleich zur Erntedankpressekonferenz. Mit Schweinestallbegehung“, entgegne ich. Weltmännisch streiche ich unter der Gummijacke mein altes Sweatshirt über der übergroßen olivgrünen Wald- und Wiesengummihose glatt, die tief über die schweren Wanderschuhe hinunterreicht.

„Iiiiih!“, kreischen die Kolleginnen – allesamt richtige Mädchen. „Da ist es bestimmt total dreckig.“ Das ist es keineswegs, weiß ich aus Erfahrung. Im Gegenteil: „Die Schweine sind rosa und blitzsauber. So ein Stall ist heutzutage derart klinisch rein, dass du glatt vom Boden essen könntest“, beeindrucke ich mit Insider-Wissen.

„Warum verkleidest du dich dann so?“ – „Weil mir etwas ganz anderes Sorgen macht“, entgegne ich und lege noch eine dramatische Sprechpause ein. Als mich genügend Augen fragend fixieren, kippe ich meine ganze saumäßige Fachkenntnis aus: „Der Gestank! Der penetrante Gestank! Der hängt dir tagelang noch in der Nase. Da musst du alles, aber auch alles anschließend waschen – so stinkt das.“

Und ausgerechnet heute habe ich direkt im Anschluss einen Termin bei einer großen, namhaften Firma. Und am Nachmittag steht ein Pressegespräch in einem Bankinstitut an.

„Keine Sorge“, beruhige ich die Kolleginnen. „Nicht einmal meine Haare werden stinken. Ich kauf mir schnell noch eine Einmal-Badehaube als Haarschutz. Im Auto liegen Wechselklamotten und andere Schuhe. Ich zieh mich dann irgendwo am Waldrand komplett um und stopfe die Stallsachen sofort in einen Plastikmüllsack, damit sie mir nicht das Auto vermiefen.“

Von mitleidigen Augenpaaren beobachtet ziehe ich von dannen.

Und? – Alles kam anders. Der Hof war ein Bilderbuchhof aus dem 18. Jahrhundert. Den Stall – Ziegelsteinmauerwerk und dicke Strohschicht – habe ich besichtigt eingemummelt in einen dunkelblauen Ganzkörper-Einmal-Anzug aus oberhygienischer Mikrofaser, der mir vom Bauer vorab gereicht wurde. Reißverschluss bis zur Unterlippe und Kapuze bis zur Augenbraue. Dazu noch OP-Schluppen für die Schuhe.

„Und? Wie war‘s?“, wollen später die Kolleginnen wissen, als ich komplett umgezogen wieder im Büro eintreffe.

„Ein bisschen außerirdisch“, sage ich. „Oder wie bei den Schlümpfen. – Dafür hat es gar nicht gestunken.“

Ich liebe meinen Beruf. Da lernt man einfach nie aus, macht sich aber öfters mal zum Affen.

Schönen Sonntag!