Das weiße Wunderwerk

Geschafft: Die Schnee-Kirche steht. Staunend schaut die ganze Welt nach Mitterfirmiansreut, auf das einzigartige Bauwerk aus fest gepressten Flocken.

Was sich anhört wie ein skandinavischer Touristen-Gag nach dem Motto „Urlauben im Eishotel – Schlafen on the rocks“ hat hier im tiefsten Bayern einen ernsten Hintergrund.

Man hat eigens einen Förderverein „Schneekirche“ gegründet und ein Schneekirchen-Büro eingerichtet, um das ganze Wahnsinnsprojekt zu stemmen.

Die Vorgeschichte weist einhundert Jahre zurück. Damals, im Winter 1910, hatten die Mitterfirmiansreuter endgültig den Obstler auf: Es hatte an Heiligabend einen solchen Schneesturm gegeben, dass die kirchenlosen armen Dörfler nicht einmal zur Christmette durch den tiefen Schnee und pfeifenden Sturm bis in die benachbarte Pfarrkirche nach Mauth durchdringen konnten. Das war zuviel! Jetzt war‘s genug!

Und mitten in ihrer Weltabgeschiedenheit fassten sie den Entschluss, sich zu wehren, ein Zeichen zu setzen – und für ein eigenes, wenn auch nur kleines Kirchlein zu kämpfen.

Erst im Februar 1911 lag genug Baumaterial, so dass die Mitterfirmiansreuter loslegen konnten. Aus nichts als Schnee bauten sie eine Kirche: 14 Meter lang, 7 Meter breit, fast 4 Meter hoch und mit zwei Türmen auf der Frontseite, nach dem Vorbild des Passauer Domes.

Sogar in amerikanischen Illustrierten erschienen Fotos des Wunderwerks. Und es hat genützt. Plötzlich wusste die Welt von Mitterfirmiansreut und seinen frommen Einwohnern. Es wurde gespendet. 1923 reichte es für eine steinerne Schulkapelle, 1925 konnte die Dorfkirche geweiht und 1932 noch einmal vergrößert werden.

Hundert Jahre später ließen die Mitterfirmiansreuter das weiße Wunderwerk noch einmal erstehen – aus Tradition, aus Gottesfurcht und – ja, auch aus touristischem Interesse.

Am letzten Mittwoch wurde sie eröffnet, die Schneekirche 2011.

Und – welch ein Wunder im modernen Deutschland – alle haben mitgespielt. Weder das Bauaufsichtsamt, noch das Ordnungsamt, noch das Straßenverkehrsamt, weder die Wasserschutzbehörde, noch das Grünflächenamt haben hindernd und verhindernd eingegriffen. Auch die Natur-, Umwelt- und Tierschützer, die Frauenrechtler und die Fahrradbeauftragten, die Datenschützer und das Gewerbeaufsichtsamt hatten nichts dagegen. Kein Verwaltungsgericht hat einen Baustopp verhängt. Nicht einmal zu einem Spendenskandal oder Veruntreuungen ist es gekommen. Und niemand hat gemeckert und blockiert, alle haben mitgemacht.

Unglaublich!

Was für ein himmlisches, hoffnungsfrohes Projekt. So etwas bei uns in Westfalen? Undenkbar. Oder etwa nicht? Alle dürfen mitmachen: Katholiken, Protestanten, Neuapostolen, Mormonen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten, Wiedergetäufte, Gottsucher und Sterngucker, Erleuchtete und Heiden aller Art: Willkommen! Holt Eure Schaufeln und baut mit!

Jetzt fehlt nur noch der Schnee.

Was wäre DAS für ein Jahres-Anfang! Was wäre DAS für ein Sonntag!

In diesem Sinne: ein gutes, ein gesundes Neues Jahr!