Der Allerbeste

Familie Gottfried wohnt in einem 60er-Jahre-Haus. Die Badezimmertür hatte schon lange ihre Tücken. Man sollte sie besser nicht abschließen, denn der Schlüssel ließ sich nur noch mit diversen Tricks, mit Hebelwirkungen oder Zaubersprüchen wieder zurückdrehen.

„Ich geh noch kurz duuuuuschen“, hatte Jule neulich kurz vor 22 Uhr geflötet. Eine Viertelstunde später, als das Wasserrauschen längst verstummt war, hörten die Eltern, wie der Schlüssel in der Badezimmertür knirschte und knackte – begleitet von immer lauter werdendem Fluchen.

Um es kurz zu machen: Alle Mühen blieben umsonst. Der olle Schlüssel wollte einfach nicht. Dann ließ brutale Hebelwirkung auch noch den oberen Teil des Schlüssels, den „Ring“, abbrechen. Jule sollte den Rest aus dem Fenster in die Nacht hinauswerfen. Draußen im Stockdunklen gelang es Vater Eberhard, ihn zu fangen. Wieder oben scheiterte er aber mit dem verstümmelten Schlüssel. Keins seiner wenigen Laien-Werkzeuge fand noch genügend Packende daran. Und dann brach auch noch der Schlüsselbart ab!

Vater und Mutter schwirrten darauf panisch durch das Haus und zogen überall die alten Schlüssel aus den alten Türen in der Hoffnung, einen passenden zu finden. Aber jeder war anders. Echte Unikate eben.

Was nun? Die Tür einschlagen? Den Schlüsseldienst rufen? Jule futterte derweilen auf dem Badewannenrand eine Packung Kekse, die ihr ihre Schwester aus dem Vorgarten durch das Fenster hinaufgeworfen hatte.

Die Eltern kamen zu dem Schluss, dass sie jetzt nur noch einer retten könnte, falls er denn überhaupt noch wach wäre: Nachbar Harry! Der ist ein begnadeter Bastler und Heimwerker.

Mutter Henriette griff zittrig zum Telefon, wählte, holte dann tief Luft und legte gleich los: „Hallo Harry, Du musst uns retten.“ Zum Glück war der Mann noch wach und schaute sich einen spannenden Krimi an.

Also, der Harry kam sofort, hat auf das Krimi-Ende verzichtet und gleich sein Profi-Werkzeug geschnappt. Er ist ein Könner und hat es geschafft, Jule zu befreien, sogar ohne dass die Tür völlig zerdeppert werden musste. Nur den nun dreigeteilten Schlüssel hat selbst er nicht mehr zusammengebracht. Wie auch? Und natürlich konnte er sich die Rüge nicht verkneifen: „Wisst ihr Leute, beizeiten mal ein Tröpfchen Öl hätte es vielleicht auch getan…“

Nichtsdestotrotz: Harry ist einfach der Allerbeste. Seine Dankes-Bierchen hat er natürlich längst gekriegt – und nun folgt diese einfach einmalige öffentliche Lobeshymne.

Schönen Sonntag – und gelobt sei eine gute Nachbarschaft.