Der Schäfer

Sie fallen auf, diese – meist männlichen – Schniegolo-Typen. Sie halten sich für besonders wichtig, erfolgreich, jung und dynamisch, modebewusst, kompetent und beim anderen Geschlecht hochgeschätzt. Gnadenlos selbstverliebt merken sie nicht, dass sie eigentlich nur arrogant, überheblich, geldgierig, überparfümiert, rücksichtslos und egozentrisch wirken.

So ein Mensch traf mal auf einen einfachen Schäfer. Ob die Geschichte wahr ist oder nur gut erfunden, ist eigentlich völlig egal:

In einer einsamen Gegend saß unser Schäfer vor seinem Karren und hütete seine Schafe. Plötzlich tauchte in einer großen Staubwolke eine Luxus-Limousine auf und hielt bei ihm. Der Fahrer des Edel-Autos, ein junger Mann im Business-Anzug von Lagerfeld, Manolo-Blahnik-Schuhen, Yves-Saint-Laurent-Sonnenbrille, Dior-Lederkrawatte und Rolex-Armbanduhr steigt aus und fragt ihn: „Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eins?“

Der Schäfer schaut den jungen Mann an, dann seine friedlich grasenden Schafe, und sagt ruhig: „Meinetwegen“.

Unser Held verbindet sein Notebook mit dem Handy, geht im Internet auf eine NASA-Seite, scannt die Gegend mit Hilfe seines Satellitennavigationssystems, öffnet eine Datenbank mit einer Unmenge Formeln. Er rechnet eine gute Viertelstunde und druckt schließlich auf seinem Hi-Tech-Minidrucker einen 49-seitigen Bericht, wendet sich zu dem Schäfer und sagt:

„Sie haben hier exakt 1684 Schafe.“ Der Schäfer murmelt: „Das ist richtig! Suchen Sie sich ein Schaf aus.“

Der junge Mann nimmt sich ein Tier und lädt es in sein Auto. Der Schäfer schaut ihm zu und fragt: „Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir das Schaf dann zurück?“ – „Klar, warum nicht“, antwortet der junge Mann.

„Sie sind Unternehmensberater!“ – „Das ist richtig. Woher wissen Sie das?“ – „Sehr einfach“, lächelt der Schäfer. „Erstens kommen Sie hierher, obwohl Sie niemand gerufen hat. Zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung haben dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß, und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache. Und jetzt geben Sie mir bitte meinen Hund wieder!“

Schönen Sonntag!