Die deutliche Weihnachtspredigt

Pastoren sind höfliche Menschen, heutzutage. Vor hundert Jahren war das noch anders, zumindest beim Nachbarn in Frankreich. Dort gab es in der Predigt immer eine „klare Ansage“. Im Angesicht des vollen Weihnachts-Gottesdienstes stellte sich ein Pfarrer vor seine ungewohnt zahlreich erschienenen Schäfchen und begann:

„Als ich jung war, hatten wir einen Vetter, der hieß Adolphin. Er wohnte in einem anderen Dorf, nicht sehr weit von uns entfernt. Er besuchte uns aber nie, weder an Festtagen noch wenn ein Kind zur Welt kam, ja, nicht einmal, wenn jemand starb. Von Zeit zu Zeit jedoch, etwa einmal im Jahr, hörte ich meinen Vater sagen: ’Sieh mal an, da kommt der Adolphin daher. Er wird wohl etwas von uns haben wollen!’

Der Adolphin kam also im vollen Sonntagsstaat den Hang herauf. Er tat furchtbar freundlich, machte uns Komplimente und redete von Familie und so, dass einem die Tränen kommen konnten. Dann, beim Abschied, nachdem er uns alle der Reihe nach geküsst hatte, sagte er: ’Übrigens, Félicien, hättest du nicht zufällig einen alten Pflug? Ich habe meine an einem Baumstrunk kaputtgefahren.’
Ein anderes Mal war es ein Bündel Reben zum Pfropfen, oder sein Pferd hatte die Kolik, und man musste ihm den Maulesel leihen. Mein Vater verweigerte ihm nie etwas, aber oft hörte ich ihn sagen: ’Der Adolphin, das ist schon eine ganz spezielle Nummer!’

Liebe Kirchengemeinde, was Ihr heute dem lieben Gott antut, das ist wie die Sache mit dem Adolphin. Er kriegt euch auch fast nie zu sehen, und auf einmal kommt ihr alle daher mit gefalteten Händen und feuchten Augen, triefend vor Reue und Frömmigkeit. Ihr seid mir die Rechten, Ihr Adolphine! Bildet euch beileibe nicht ein, der liebe Gott sei treuherziger als mein armer Vater und habe eure Herzen nicht bis in den letzten Winkel durchschaut! ….“

(Marcel Pagnol, Im Weinberg des lieben Gottes – Herzerquickende Predigten aus der Provence, Herder, 1992, Die Geschichte vom „großen Brunnenbauer“, S. 29 f.)

Auch unsereins gehört – ehrlich gesagt – zu den Menschen, die sich eigentlich nur an Weihnachten in der Kirche sehen lassen, um sich – doch, wir wollen ehrlich bleiben – beschauliche Wohlfühl-Predigten anzuhören. So sind wir, so sind die Zeiten, aber sie scheinen schon immer so gewesen zu sein.

Aber da dürfen wir uns auch nicht wundern und noch weniger beschweren, wenn uns ein wortgewaltiger alter Gottesmann, trotz seiner inzwischen etwas runzeligen Sprache, einen Spiegel vorhält.

Ich meine ja nur!

Fröhliche Weihnacht!