Ehrenbürgerin in Afrika

Hier stehen manchmal irre Geschichten. Jetzt kommt wieder eine, und sie ist wirklich wahr. Am Ende dieser Zeilen werden Sie lachen – und es wird Ihnen warm sein ums Herz.

Folgende Situation: Sie stehen kurz nach Feierabend im dämmrigen Nieselregen am Bahnhof an der Bushaltestelle. So wie vor einigen Monden Felicitas, alleinstehend, Anfang Dreißig, eher groß und etwas füllig, von Beruf Gewandmeisterin an einer Theaterbühne – zuständig für Hunderte von Kostümen.

Während Felicitas vor sich hin fröstelt, spricht sie ein Unbekannter an. Der Typ ist ähnlich groß, ist an diesem nassen Tag viel zu sommerlich gekleidet, hat große dunkle Augen, krause Haare und farbige Haut. Er spricht kaum deutsch und bringt sein Anliegen auf afrikanisch-englisch vor. Felicitas versteht nur halb, worum es geht.

Er heiße Modupe, sagt er, käme aus Westafrika, um hier zu studieren. Zuhause sei sein Vater ein König. Das Geld für ihn, den Prinzen, sei unterwegs, aber noch nicht da. Ob sie ihm helfen könne? So 50 Euro würden ihm weiterhelfen – bis nächste oder übernächste Woche.

Zum Dank wolle er sie in seine Heimat einladen, ins Königreich seines Vaters und dort werde man sie auf Händen tragen. Versprochen.

Mal ehrlich: Hätten Sie ihm das Geld gegeben, bekennender Fremdenfreund hin oder her?

Wissen Sie, was Felicitas gemacht hat? Sie hat nicht lange gezögert. Sie hat ihm nicht geglaubt. Aber sie hat ihm geholfen, hat ihm 50 Euro gegeben.

Und er? – Er hat sie vergöttert. Während der nächsten Wochen bedankte er sich tausendfach und wiederholte seine Einladung nach Westafrika.

Am Ende hat sie auch das riskiert. Sie ist hingeflogen – und was sie erlebt hat in Modupes väterlichem Königreich langt aus, um bis ans Lebensende erzählen zu können. Etwa die Geschichte, wie sie beim Volksfest den riesigen Spülberg deutsch-systematisch durchorganisiert hat. Wie man sie zur Ehrenbürgerin des Dorfes machte. Wie sie afrikanisch tanzen lernte oder wie zu ihren Ehren irgendwo weit draußen ein Stier geschlachtet wurde und man ihr ein ganzes Hinterbein schenkte. Man schob es ihr bei der Abfahrt noch durchs das Fenster quer ins Auto. Die gewaltige fleischige Kostbarkeit war indes etwas hinderlich bei der Rückfahrt.

Und das alles für wagemutige 50 Euro …

„Gott legt das Maßband nicht um den Kopf, sondern um das Herz“, sagen die Iren.

Schönen Sonntag!