Eine Zier?

In den vergangenen Tagen fiel in Deutschland oft das Wort „rücksichtslos“ – vor allem im Zusammenhang mit der „Essener Tafel“. Viele Männer hätten sich dort rücksichtslos verhalten, deshalb habe man Maßnahmen ergreifen müssen, hieß es.

Die Rücksichtslosigkeit hat in Deutschland inzwischen viele Gesichter. Gepaart ist sie oft mit einer unerträglichen Aggression. Und mit Hass. Das äußert sich nicht nur in Dresden bei Pegida.

Nein, solche Auswüchse werden ebenso anderswo beklagt. Rettungskräfte, die sich mit dreisten Gaffern herumschlagen müssen oder sogar angegriffen werden, können ein alltägliches Lied von der grassierenden Respektlosigkeit singen. Auch Lehrer, Kommunalpolitiker, Jobagentur-Mitarbeiter, Busfahrer und andere Menschen, die im „öffentlichen Fokus“ stehen, machen bekanntlich immer häufiger derartige Erfahrungen.

Noch am Mittwoch hat die neue CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Focus-Interview gesagt: „Die Verrohung macht in Teilen die Grundlage unseres Zusammenlebens und unserer Gesellschaft kaputt.“

Ja, so ist es. Leider.

Die überbordende Rücksichtslosigkeit äußert sich längst in vielen kleinen Alltäglichkeiten.

Etwa beim Einstieg in den Bus. Da werden – übrigens gerne von Seniorinnen und Senioren – Rucksäcke schon fast wie Waffen eingesetzt. Motto: Wer mir keinen Platz macht, bekommt meinen Rucksack vor den Latz geknallt.

Oder wenn man auf manche Raucher trifft. So wie neulich in einem leicht überfüllten heimischen Eiscafé. Kaum hatte Kollege Eberhard an einem soeben leer gewordenen Tisch gemütlich Platz genommen, hatte er auch schon drei Personen neben sich sitzen, die ebenfalls ein Plätzchen in der Sonne genießen wollten.

Soweit war alles in Ordnung. Doch dann holten die Drei ihre Fluppen raus und – schwuppdiwupp – saß Eberhard mitten im stinkigen Rauch.

Das fand er gar nicht spaßig und murmelte etwas von Körperverletzung. Mit dem Ergebnis, dass er wenig später das Weite suchen musste, weil auf ihn – anstelle einer eigentlich erwartbaren Entschuldigung – eine Schimpfkanonade vom Schlimmsten einprasselte.

Wie war das noch? „Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ Was wirklich nicht witzig ist.

Allen Lesern einen schönen Sonntag voller Respekt!