SonnTalk: Endlose Ströme

Am Gardasee sprechen die Kellner und Kellnerinnen fast zwangsläufig fließend Deutsch, denn die Wohnungen und Häuser am See sind überwiegend Ferienquartiere. Fast jeder, der durch die Gassen der pittoresken Orte bummelt, stammt von nördlich der Alpen. Italienisch hört man jedenfalls auf der Straße kaum.

Es ist dort fast wie daheim: Entlang des Ufers reihen sich die vertrauten Filialen deutscher Filialisten dicht aneinander. Das ist ein bisschen wie auf Mallorca, wo man eher Schweineschnitzel und Sauerkraut anstelle von spanischem Essen bekommt. Immerhin will die mallorquinische Provinzregierung jetzt untersagen, weitere normale Wohnungen in Ferienquartiere umzuwandeln. Damit es in Palma bald nicht so ist wie auf Sylt. Hier können sich die Einheimischen die teuren Mieten oft nicht mehr leisten. Sie müssen scharenweise auf das billigere Festland „emigrieren“ und zur Arbeit auf ihre Heimat-Insel pendeln.

Auch in Venedig kann kaum ein Durchschnitts-Verdiener mehr eine Wohnung bezahlen. Hinter zahllosen malerischen, historischen Fenstern packen nun stattdessen Touristen ihre Köfferchen aus. Die Venezianer verlieren ihre Heimat in der Lagune an die Reisenden aus aller Welt. Die Verdrängten wohnen – wie die Sylter – jetzt draußen jenseits der kilometerlangen Brücke in irgendwelchen Allerwelts-Wohnkomplexen.

Selbst in Prag übernehmen gerade zahlungskräftige Asiaten und sehr gern auch Russen – solange ihr Rubelchen rollt – die Stadt. Obendrein werden die Wohnhäuser in den malerischen Altstadtbezirken reihenweise von Investoren gekauft. Fix fliegen dann die Mieter raus und es wird saniert, dass die Schwarte kracht. Danach wird Gold gemacht: Endlose Ströme mietwilliger Touristen aus aller Welt haben schon ihre vielen Hände auf den blitzneuen Klinken.

„Meine Heimat ist, wo immer mir wohl ist“, sagten schon pragmatisch die alten Römer.

Auch in Nordrhein-Westfalen wächst der Tourismus stetig. Jahr für Jahr werden mehr Übernachtungen gezählt. Müssen wir uns bereits Sorgen machen?

Schönen Sonntag.