Ganz still

Ich hab’s tatsächlich gemacht. Dabei fiel es mir erst richtig schwer. Als bekennende Hektikerin unter Dauerstrom hat es mich eine Riesen-Überwindung gekostet.

Was war los? Ein mitleidiger Leser hat mir nach meinem Gejammer letzte Woche über den bevorstehenden Advents- und Weihnachts-Trubel einen wattierten quadratischen Umschlag in die Redaktion geschickt. Ich solle mir mal einen ruhigen Abend machen mit dem beiliegenden Hörbuch.

Aha. Na gut. Was isses denn?

„Clemens Brentano. Selig wer in Träumen stirbt.“

Ääääh? Was sagt denn die Rückseite?

„Clemens und Sophie. Ein Hörstück aus 36 romantischen Liebesgedichten von Clemens Brentano.“

Ooooh… Neee…! Romantische Gedichte? Von achtzehnhundertpfeifendeckel? – Nee, wirklich… – Wer braucht denn so was?

War es am Ende journalistische Neugier? Oder fühlte ich mich einfach dem edlen Spender verpflichtet, der es wohl gut gemeint hatte? – Jedenfalls: ich habe alle inneren Widerstände überwunden – uff!!! – und hab mir tatsächlich mal ganz für mich allein gestern einen stillen Abend gemacht. In meiner Küche. Auf einem harten Holzstuhl. Licht aus. Kerze an. Tee ins Glas. Füße vorgestreckt und – auf den Startknopf gedrückt …

„Mond, Mond! – Wie die Wellen kühlen, wie die Winde wühlen in den dunklen Mähnen der Nacht!“

Worte mit dicker Staubschicht. So ungewohnt. So dramatisch. So poetisch. So anders als alles sonst. So irgendwie schön. Wortgewaltig.

Schon bald war ich ganz versunken in der Geschichte von Clemens und Sophie, die sich liebten, sich sehnten, sich begehrten, sich vermissten, sich lustvoll vergnügten und am Ende in tiefste Trauer und Verzweiflung stürzten.

Es war ergreifend, aufwühlend, mitreißend. Großartig. Ja, doch: richtig großartig.

Als die Geschichte endete mit Clemens in Trauer um seine nun tote Sophie, hätt‘ ich mitheulen können. Die Kerze war runtergebrannt, die Teekanne leer und ich fühlte mich, als hätte ich tief geschlummert und etwas Gutes geträumt.

Mein Fell war dicker geworden gegen die Nervigkeiten des Alltags. Sturm- und wasserabweisend. Selber mal ausprobieren! Danach lachen Sie alle Sorgen aus!

Und schönen Sonntag!