Glücklich ohne Glück

Anna sitzt mit ihrem Mann und den zwei Kindern am Frühstückstisch. In fröhlicher Stimmung besprechen sie ihren Tag – wie immer. Sie lachen viel. Anna freut sich auf die netten Kollegen im Büro. Auf dem Weg zur Arbeit scheint die Sonne. Sie genießt die Wärme und die Farben am Morgen. Sie freut sich auf die Aufgaben, die vor ihr liegen. Abends beim Volleyball ist Anna froh, sich endlich bewegen zu können. Sie liebt das Spielerische, das Überraschende und ihre Mitspieler. Es ist ihr egal, wer verliert oder gewinnt. Mitglied in einem Team zu sein, gemeinsame Interessen zu haben, das bringt ihr viel.

Auch Hannah sitzt mit ihrem Mann und den beiden Kindern am Frühstückstisch. Die schlechte Laune ist spürbar. Es wird geplärrt und gezankt. „Immer dieser Stress schon gleich in der Früh“, denkt Hannah, „es ist jeden Morgen das Gleiche.“ Auf dem Weg ins Büro scheint die Sonne. Hannah hasst das grelle Licht und ärgert sich, weil die Sonnenbrille zu Hause liegt. Missmutig denkt sie an die Arbeit und an die immer gleichen dummen Sprüche ihrer Kollegen. Abends beim Volleyball fragt sie sich, warum sie nach der Arbeit noch rackert. Vom Geruch der Turnhalle wird ihr schlecht. Sie trifft die Bälle nicht so richtig, weil ihre Mitspieler ehrgeiziger sind. Eigentlich ist sie nur genervt.

Klarer Fall, Anna hat einen gelungenen Tag hinter sich. Hannahs Tagesablauf dagegen ist frustig. Dabei führen beide Frauen ein identisches Leben!

In einem Philosophie-Artikel in der nicht hoch genug zu preisenden Wochenzeitung DIE ZEIT versucht Professor Hartmut Rosa, die Sache zu erklären. Er ist sicher, das Leben gelingt, wenn wir es lieben. „Es“, das seien die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Dinge, die uns umgeben und uns begegnen. Lieben wir sie, so entsteht ein schwingender Draht zwischen uns und der Welt, meint der Herr Professor.

Anna liebt ihre Familie, ihre Arbeit und das Volleyballspielen. Sie ist daran interessiert, sie lebt dafür. Hannah dagegen arbeitet, um Geld zu verdienen. Sie braucht ihre Familie, um nicht allein zu sein. Sie spielt Volleyball, um schlank zu bleiben.

Annas Draht zur Welt ist intakt. Sie fühlt sich wohl in ihrer Welt und im Leben aufgehoben und getragen. Hannah dagegen fühlt sich in die Welt geworfen, ihr ausgesetzt. Sie hat Angst vor dem Leben und dessen Aufgaben. Und Angst ist kein schöner Begleiter.

Ist doch eigentlich sehr tröstlich: Wir haben es selber in unserer Hand, ob wir zufrieden sind oder nicht. Unsere eigene Einstellung entscheidet. Sich glücklich fühlen können, auch ohne Glück, das ist Glück.

Schönen Sonntag!