Gut versteckt

Studienrat Alexander P. und seiner Gattin Silke wurde es neulich ganz heiß. Es begann genau in dem Moment, als Silke die zweite Schublade links ihres antiken Schreibsekretärs im Arbeitszimmer öffnete, um das Sparbuch ihrer Tochter Mariella herauszunehmen.

Sie griff nämlich – ins Leere. Nicht nur Mariellas Sparbuch war weg, sondern sämtliche Sparbücher der Familie mit einem Gesamtwert von satten 30.000 Euro.

Silke riss mehrmals sämtliche Sekretärschubladen auf und wühlte gründlich überall das Unterste zu Oberst. Nichts.

Dann wählte sie mit zittrigen, schweißnassen Fingern Alexanders Handy-Nummer. „Alex! Unsere Sparbücher sind weg! Alle! – Kannst du dir das erklären?“, japste sie atemlos.

Sparbücher? Ja. Moment mal. Da war was. Jetzt so beim Nachdenken fiel es Alexander ganz schemenhaft wieder ein… Im letzten Moment hatte er, bevor die Familie im August in die Sommerferien aufbrach, den Impuls gehabt, die Sparbücher lieber noch schnell zu verstecken. Er wollte eventuell einbrechenden Spitzbuben ein Schnippchen schlagen..

„Äh. Jaaah. Warte mal…“, versuchte Alexander Zeit zu gewinnen. „Die sind… äh… die habe ich… äh…“

Aber es wollte und wollte ihm nicht einfallen, wohin in aller Welt er sie getan hatte.

Abends blickten sich die Eheleute ratlos und stumm mit großen Augen an.

Irgendwo mussten sie sein, die blöden, kleinen, kostbaren Heftchen. Dumm nur, dass sie sich auf 120 Quadratmetern den Platz teilten mit Zentnern, wenn nicht sogar Tonnen von Papier. Allerlei Bücher, Magazine, Zeitschriften, Unterrichtskonzepte und Klassenhefte füllen nämlich das Reihenhäuschen des gelehrten Studienrates. Wenn Alexander nun also die Sparbücher einfach schnell in irgendein Buch gelegt hätte, unter irgendwelche Bände geschoben hätte… – sie wären praktisch auf ewig unauffindbar. Alexanders Erben würden sie – vielleicht – einmal wiederfinden bei der Wohnungsauflösung des mittlerweile Verstorbenen.

Nach Tagen der Verzweiflung erwogen Alexander und Silke ernstlich, einbrechende Spitzbuben zu engagieren und auf die eigene Wohnung anzusetzen. Nach dem langfingrigen Wiederauffinden der kostbaren Heftchen hätte man sich dann irgendwie auf Ganoven-Art geeinigt: Finderlohn!

Aber dann war ihnen das Glück hold. Als Silke am letzten Samstag beim Hausputz die Trittleiter aufbaute, um die Küchenschränke zu reinigen, fand sie obenauf die Heftchen unter einer dort deponierten Lampe. Da lagen sie – unschuldig und säuberlich gestapelt.

An dieser Stelle – meint Alexander trotzig bis heute – hätte sie nie im Leben ein Spitzbube gefunden. Nur eine gründliche Hausfrau eben.

Schönen Sonntag!