Kratzen im Kopf

Freund Martin ist eigentlich kein vergesslicher Typ. Gesichter kann er meist noch nach Jahren dem richtigen Namen zuordnen, Telefonnummern bleiben, einmal gelernt, abgespeichert. Und selbst Schillers Bürgschaft kommt ihm noch ziemlich flüssig über die Lippen. Doch hin und wieder entfällt natürlich auch ihm etwas.

Dann nagt es an ihm. Wie ein Kratzen im Kopf. Abends vor dem Einschlafen, in einer ruhigen Minute, zermartert er sich dann am allerliebsten den Schädel. „Das wolltest du doch nachgeschlagen haben“, sagt er sich dann.

Es können kleine und große Dinge sein, die ihn nicht ruhig schlafen lassen. „Wie oft war Willy Brandt eigentlich SPD-Kanzlerkandidat?“, „Wie heißt die Maßeinheit, in der die Blickdichte für Strumpfhosen gemessen wird?“, „Was sollte ich noch aus der Drogerie mitbringen?“

Je länger es dauert, bis die Fragen beantwortet sind, desto schlimmer wird das Kratzen in Martins Kopf. Bis die Lösung gefunden ist. Nervig ist es auf Feten, wenn Martin geistesabwesend zwischen allen Gästen sitzt und plötzlich mitten im Gespräch brüllt: „Jetzt weiß ich‘s!“

Übrigens: Damit sich bei Ihnen kein Kratzen im Kopf einstellt – und für den Fall, dass Sie mal bei Jauch genau dieses gefragt werden: Willy Brandt war viermal SPD-Kanzlerkandidat (1961/1965/1969/1972) und bei Strumpfhosen wird die Blickdichte in „Den“, das Gewicht des Garns pro 9.000 Meter in Gramm oder „dtex“, das Gewicht des Garns pro 10.000 Meter in Gramm gemessen.

Ist doch schön, wenn man‘s weiß, oder?

Schönen Sonntag.