Licht ins Dunkel

Einmal werden wir noch wach – heißa – dann wird das erste Adventskalender-Türchen aufgemacht. Oder ein Kläppchen umgeknickt oder ein Beutelchen aufgefriemelt. Aufmachen, öffnen, ans Licht holen, Geheimnisse lüften, jeden Tag gibt es von nun an 24 mal irgendeine kleine Überraschung.

Was noch verschlossen ist, lockt. Was mag dahinter stecken? Was verbirgt sich da?

Aber auch ganze Gegenden verwandeln sich derzeit in einen riesengroßen Adventskalender. Tag für Tag zieht die aufs Christkind wartende Menschenschar vor ein anderes Haus und öffnet ein weiteres festlich geschmücktes Fenster, knabbert Plätzchen dazu, schlürft Punsch und singt traditionelle Lieder.

Wer genauer hinsieht, bemerkt aber, dass in unseren Straßen immer mehr Fenster sich nie öffnen. Das ganze Jahr über nicht. Nicht im Advent, nicht zu Ostern und auch nicht im Hochsommer. Nicht einmal zum Lüften öffnet sich da was. Ob Innenstadt, Landstraße oder gar gutbürgerlicher Grüngürtel: Ein wachsender Anteil der Bevölkerung verschanzt sich hinter heruntergelassenen Jalousien, Rollläden und zugezogenen blickdichten Gardinen. Da tut sich nix. Gar nix. Die Menschen hinter diesen Barrikaden sitzen nie in der Sonne vorm Haus, plaudern nie mit Nachbarn, hängen nichts Jahreszeitliches an Fenster, Türen oder Vorgartensträucher. Sie habe nichts zu feiern. Sie arbeiten auch nie im Garten – außer vielleicht heimlich in der Nacht. Tagsüber jedenfalls igeln sie sich ein, zeigen sich nicht, behalten jede Lebensäußerung innerhalb ihrer vier Wände im Dämmerlicht. Im Halbdunkel. Man ahnt, wie sie die Luft anhalten. Immerzu.

Manche dieser Phantome scheinen Kinder zu haben, die wohl ebenfalls wie die Molche im Dämmrigen leben müssen.

Was ist da bloß los? – Leiden so viele Leute an Lichtallergie? Oder verstecken sie so Messie-Chaos, Alkoholsucht, Drogenrausch oder Depressionen? Verstecken sie im täglichen Schummer-Dunkel häusliche Gewalt, unkontrollierbare Berührungsängste, Verbitterung oder eher eine übermächtige Traurigkeit? Merkwürdig. Sehr merkwürdig.

Wer ist Schuld an dieser modernen Verhaustierung des Menschen? Das Fernsehen? Das Internet? Liegt es daran, weil das eigene „Ich“ in modernen Gesellschaften ganz vorne steht und dann lange erst mal gar nichts kommt? Weil menschliche Gemeinschaften – ob in Familie, in Jugendgruppen, in Vereinen und im Freundeskreis oder auch in der Kirche – immer mehr „out“ sind? Da läuft etwas schief, aber gewaltig.

Schönen Adventssonntag überall! Möge es auch im Halbdunkel Licht werden. Vor allem da.