Moderne Zeiten

Ach, was waren das für „Moderne Zeiten“. Charlie Chaplin schraubend und drehend am Fließband, gefangen im maschinellen Räderwerk. Überfordert, sich dem Takt der Maschinen anzupassen. Nur selten sind die Auswirkungen der Industrialisierung so eindringlich beschrieben worden wie in diesem Film.

Und heute? Zahnräder sind kalter Kaffee. Sie haben weder Bit noch Byte.

Neulich, auf dem Weg ins Büro. Im Pendlerzug. Der Mann gegenüber trägt feinen Zwirn. Dreiteilig. Maß? Oder irgendeine edle italienische Konfektion? Während die Gedanken zu Anzügen und deren Qualitäten spazieren, scheint der Mann ein inniges Selbstgespräch zu führen. Ab und an ist ein „Hmm“ oder ein „Naja“ zu hören.

Bis zur Explosion: „Ich hab dir doch gesagt, du sollst kaufen!“, brüllt der Gutgekleidete plötzlich in Richtung anderer Fahrgäste und wedelt mit den Händen, als wäre er in einen Schwarm Moskitos geraten.

Alle drehen sich um, schauen zur Seite. Wer, bitteschön, ist hier gemeint? Wer soll was kaufen?

Der Anzugträger gerät völlig aus dem Häuschen. „Kaufen!“, brüllt er. Die Arme wirbeln durchs Abteil, der Laptop zu seinen Füßen wackelt wie der gleichnamige Pudding.

Die Fahrgäste in der Nähe ziehen sich diskret zurück. Irgendetwas scheint hier gewaltig aus dem Ruder zu laufen. Überwältigungstechniken werden getuschelt ausgetauscht. Wer nimmt das freiwillig auf sich?

Der Anzugträger gestikuliert weiter. Die Gesichtsfarbe wirkt alles andere als gesund. Alle gucken skeptisch. Was passiert als nächstes? Ist hier irgendwo eine Kamera versteckt?

Kaum fährt der Zug in seinen Zielbahnhof ein, greift sich der Anzugträger in die Jackettasche, sagt „Bis morgen“, und der Zauber ist vorbei.

Ein Handy, na klar! Irgendwo versteckt im Jackett. Ganz diskret.

Der Anzugträger lächelt freundlich, verabschiedet sich von konsternierten Mitreisenden, lässt anderen beim Aussteigen den Vortritt. Eine Frage steht in seinem Gesicht: Was guckt Ihr – ist hier etwas passiert?

„Moderne Zeiten“ können faszinierend sein. Da braucht es weder eiernde Zahnräder noch quietschende Schraubendreher oder donnernde Hämmer. Ein kaum sichtbarer Knopf im Ohr reicht, um allen Zeitgenossen vorzugaukeln, ungewollte Statisten im nächsten Action-Psycho-Schocker zu sein.

Einen schönen Sonntag Ihnen allen…

…vielleicht ohne Knopf im Ohr, dafür aber mit ganz realen und ganz persönlichen Begegnungen und Gesprächen!