Nachtgestöber

Der Kollege Dietrich schläft wie ein Murmeltier. Ihm könnte man glatt die Matratze unterm Ohr wegziehen, neben dem Bett eine Motorsäge anwerfen oder eine Zahnwurzelbehandlung durchführen – er würde es nicht merken.

Bei seiner Angetrauten ist es umgekehrt. Sie schlägt die Nachtstunden oft tot mit Lesen, Kreuzworträtseln, Teeschlürfen, Silberputzen, Häkeln und Fotos Sortieren. Manchmal „zörft“ seine Johanna – so heißt sie – auch im Internet. Sie stöbert ganz vertieft, sucht, findet, liest, bildet sich, vergnügt sich, macht sich schlau.

Was genau sie da macht, hatte unseren Dietrich nie wirklich bewegt. Er war nur froh, dass sein Eheschnurpselchen nächtens gut und harmlos beschäftigt war.

Harmlos? – Dietrichs Wurstegal-Haltung schlug vor einigen Tagen in rabenschwarze Zweifel um. Zufällig las er eine Zeitungsnotiz aus dem tiefsten Bayernland. Da hatte doch die Gastelhuber Anni ihren Mann, den Toni, in Viechtach des nachts im Schlaf mit einer Axt erschlagen. Gezankt hatten sie sich, die Anni und der Toni, weil er nach Australien auswandern wollte. Vertragen hatten sie sich aber wieder und noch im Bett einen Film zusammen angeschaut.

Dann war er weggeschlummert. Sie aber konnte nicht schlafen, vor lauter Angst, der Toni würde am Ende doch ohne sie und vielleicht gar mit einer anderen die andere Seite des Globus aufsuchen.

Irgendwann stand die Anni auf und befragte das Internet, wie sie ihren Toni am besten am Auswandern hindern und zum Hierbleiben und zur Treue verdonnern könnte.

Sie fand Antwort im weltweiten Netz: Mit der Axt, liebe Anni, mit der Axt.

Die, die im Keller hing, schien ihr zu klein. Da hat sie extra noch in der Eisenwarenhandlung von Viechtach eine größere gekauft. Und dann ist Anni nach Gebrauchsanweisung aus dem Internet vorgegangen: Dem Schlafenden die Axt auf den Hinterkopf geben. Kräftig und mehrfach.

Es hat geklappt! Jetzt bleibt der Toni für immer in Viechtach. Leider unterirdisch. Was aus Anni wird, verhandelt man gerade vor dem Kadi.

Zurück zu unserem Dietrich: Der schaut seine Johanna nun mit ganz anderen Augen an. Beklommen fragt er sich, was seine vermeintlich sanfte Johanna nachts im Daten-Netz so alles findet und wonach sie eigentlich sucht…

Schönen Sonntag!