Ruhe im Kopf

Von Claudia Eckhoff

Indien: Menschenmassen. Enge. Armut. – Aber das ist nur äußerlich. Innen drin im Kopf haben die Leute angeblich mehr Ruhe.

Das liegt nicht am hübsch getupften Punkt mittig über den Augen und auch nicht am farbigen Turban. Eher schon am heiligen Bad im schmutzig-braunen Ganges. Und noch wichtiger: In Indien hält man sich an die vier Grundsätze der Selbstbesinnung.

Der erste lautet: Jede Person, die dir begegnet, ist die „richtige“. Ob die Liebe deines Lebens oder dein Entführer, Dein Lehrer, Dein Chef oder Dein Finanzbeamter, der Rettungsschwimmer, der dich gerade noch vor dem Ertrinken erwischt … – der, mit dem du es gerade zu tun hast, ist immer der einzig wahre Jakob bzw. das einzig wahre Jakobinchen. Es hat so sollen sein.

Das zweite Gesetz lautet: Das, was passiert, ist das einzige, was passieren konnte.

Herrlich! Endlich ist Schluss mit dem ewigen deutschen Hätte-Könnte-Wollte-Wäre-Würde-Wündel-Zündel. Alles, aber wirklich auch alles ist ohne andere Möglichkeit. Es ist, wie es ist. Nimm es hin und nimm es an!

Der Blechschaden am Auto, die kaputte Waschmaschine, die blöde Krankheit – es ist passiert. Punkt. So ist es.

Das dritte Gesetz sagt: Jeder Moment, in dem etwas beginnt, ist der richtige Moment.

Weil es keinen anderen Moment mehr geben wird. Jetzt geht es los – und das ist gut so. Reine Zeitverschwendung darüber nachzudenken, wenn dieses „Etwas“ früher später oder gar nicht losgegangen wäre. Es ist losgegangen und jetzt nehmen die Dinge ihren Lauf.

Zum Schluss der Schluss. Denn Gesetz vier besagt: Was zu Ende ist, ist zu Ende.

Das hört sich an wie ein psychologischer Airbag: Loslassen, Fallenlassen, Gehenlassen. Der Tod eines lieben Angehörigen, der verlorene Job, die zerbrochene Liebe. Nicht dranhängen, nicht festkrallen, nicht mit Nägeln und Zähnen drin verbeißen und vor allem nicht nachts schlaflos drüber rumwälzen.

Vorbei ist vorbei. Schluss. Aus. Und auch noch: Gut so!

Das läuft auf ein ganz entspanntes Leben hinaus: Lass es einfach laufen!

Ach, für mich ist das nix. Das ist mir wie Krimi ohne Leiche, wie Suppe ohne Salz, wie Herz ohne Schlag.

Ich kann das nicht. Ich muss mich aufregen, ärgern und zermartern. Zweifeln und hoffen. Ich brauch‘ Drama.

Klar, die innere Ruhe erreichte ich so nie. Aber das Leben wird bunter. Schönen Sonntag – und uns allen ein bisschen mehr Ruhe!