SonnTalk: Gut bewacht

SonnTalk – Von Claudia Eckhoff

Wer hat es schon bemerkt? Die Schwalben sind weg. Sie sind wieder einmal klammheimlich abgereist, ohne sich zu verabschieden.
Dafür ist er zurück: Orion, der Himmelswächter mit seinem Schwert aus drei funkelnden Sternen. Gestern Morgen, als ich um sechs Uhr noch im Schlafanzug zum Mülleimer vors Haus sauste, bin ich wie angewurzelt stehen geblieben, als ich ihn nach dem langen Sommer zum ersten Mal ganz weit im Osten wiedersah.

Seit Jahren beobachte ich, wie er im dunklen Halbjahr nachts über den Himmel zieht. Je weiter der Winter fortschreitet, umso mehr sieht man den Orion nur noch im Westen. Kurz bevor der Frühling einsetzt, verschwindet er ganz aus dem nächtlichen Sichtfeld.

Vor Jahrzehnten als Studentin in England habe ich an einem Abendkurs zum Thema „Sternbilder und ihre Bedeutungen“ teilgenommen. Ich hatte absolut keine Ahnung, aber Interesse. John Meeks hieß der junge Dozent. Mit ihm sind wir donnerstags bei Dämmerung in Gummistiefeln raus auf den herbstlich matschigen angelsächsischen Acker, haben die Köpfe in die Nacken gelegt und uns die Augen aus dem Kopf geguckt nach den Sternbildern.

Sie sind so schwer zu erkennen, bevor man sie eben kennt. Gerade der Orion machte Schwierigkeiten. Mr. Meeks versuchte es mit allen Tricks, uns dieses Sternbild sichtbar zu machen im unendlichen Geflimmer und Funkeln einer schier unendlichen Sternenwelt.

Endlich, endlich fiel es uns wie Sternschnuppen aus den Augen. Plötzlich sahen wir den Orion und waren völlig sprachlos. Wir hatten ihn einfach zu klein gedacht, viel zu klein. Aber er ist eben riesig groß, ein gigantisches Sternbild. Wer ihn einmal erfasst hat in seiner Gewaltigkeit, der hat ihn als treuen Begleiter sein Leben lang durch die kalten dunklen Nächte.
Ich bin jedenfalls bereit.

Der Winter kann kommen. Tausend Dank an Mr. Meeks auf der anderen Seite des Ärmelkanals.

Schönen herbstlichen Sonntag.