SonnTalk: Ideales Bildnis

SonnTalk – Von Claudia Eckhoff

Lucy zeigt es wirklich gern, das Foto von ihr und ihrem Abi-Ball-Tanzpartner. Er, groß, attraktiv und athletisch, macht eine makellose Figur in schwarzer Hose und schneeweißem Hemd. Sie, deutlich kleiner als er, hat ihn eingehakt und himmelt ihn von schräg unten glücklich an. Sie trägt ein unglaubliches, langwallendes blaues Ballkleid, das ihr so gut steht wie Meerwasser einer Nixe. Ihre curryfarbene Mähne umglänzt feurig ihr hübsches Gesicht. Die beiden stehen mitten im Gras vor lichten jungen Bäumen.

So ein Bild hat seine Geschichte – und auch seinen Preis. Genauso ein Kleid hatte kurz zuvor eine berühmte Film-Schauspielerin getragen. Lucy hatte ein Foto davon besorgt und sich nach dieser Vorlage in China erstaunlich billig eine Kopie schneidern lassen. Mit ihrem Tanzpartner war sie sich einig: Der Foto-Hintergrund musste einfach der perfekte Wald sein. Den gab es aber in ihrer Nähe nicht. Sie verabredeten sich für einen Nachmittag mit einer Profi-Fotografin. Immerhin anderthalb Stunden mussten die drei im Auto fahren, bis sie den optimalen Hintergrund im richtigen Licht gefunden hatten. Die extra frisch gestylte Frisur und auch das teure extra von einer Visagistin gezauberte Make-up saß und es hätte losgehen könnten mit dem „Shooting“, wenn es nicht genau in dem Moment angefangen hätte zu nieseln.

Nach Hause sind sie gefahren, deprimiert und schweigsam. Ein paar Tage später haben sie die ganze aufwendige Prozedur wiederholt: Noch mal zum Friseur, noch mal zur Kosmetikerin, noch mal ins Kleid und den Anzug, mit der nochmals gebuchten Fotografin wieder ins Auto und ab in den entfernten Ideal-Wald. Und dann hat alles geklappt ohne Niesel und echt in bestem Licht. Das Ergebnis hat die Mühen gelohnt. Es ist nicht irgendein Wald-und-Wiesen-Foto geworden. Nein, es ist ein ideales Bilderbuch-Bildnis und taugt für den Rest des Lebens zum Vorzeigen. Es zeigt ein perfektes Tanz-Paar, in einem perfekten Moment vor perfekter Kulisse. Und nichts, wirklich nichts, haben die beiden erst 18-Jährigen dabei dem Zufall überlassen. Sie kennen sich eben schon bestens aus mit „Sein“ und „Schein“.

Schönen Sonntag.