SonnTalk: Mit Herzrasen

SonnTalk – Von Claudia Eckhoff

Direkt nach der Arbeit hatte sich das Team, zu dem auch die 25-jährige Therapeutin Maike gehört, auf Firmenkosten noch in der Innenstadt zusammengesetzt. Das hatte mal richtig gut getan, selbst nach einem schon langen Arbeitstag.

Spät abends müde, aber bester Dinge trennte man sich. Maike spazierte allein in Richtung Parkhaus, um nach Hause zu fahren in die zwölf Kilometer entfernte Nachbarstadt. Am Kassenautomaten aber verließen sie schlagartig alle guten Geister: Sie hatte gar kein Portemonnaie dabei! Und so sehr sie auch kramte und wühlte, es fand sich in den Hosen- und Jackentaschen nicht genug Geld, um ihr Auto auslösen zu können. Vier Euro fehlten! Weit und breit war kein Mensch zu sehen, der ihr hätte aus der Patsche helfen können.

Maike drückte den Knopf am Automaten, mit dem man sich im Notfall Gehör verschaffen kann bei irgendeiner körperlosen Stimme, die dann aus dem Kasten schallt. Doch hier schallte nichts. Der Automat schwieg.

Da blieb der jungen Frau nur eins: Sie musste versuchen, nachts irgendwo in der Nähe bei unbekannten Menschen die fehlenden Euros zu erbitten. Das tat sie mit Herzrasen und zitternden Händen in mehreren Restaurants im Umkreis des Parkhauses. Dezent, bescheiden und höflich näherte sie sich jeweils den Servicekräften. „Würden Sie mir bitte helfen? Ich komme nicht aus dem Parkhaus und nicht nach Hause, weil ich nicht genug Geld dabei habe. Es fehlen nur vier Euro. Ich würde Ihnen natürlich ein Pfand dafür geben und es morgen nach der Arbeit wieder einlösen“, bot sie an. Vergeblich! Ein Kellner nach dem anderen ließ die junge Frau in Not abblitzen.

Auch die Kellnerinnen wollten sich auf nichts einlassen. Durch vier Restaurants zog Maike vergeblich. Dann gab sie auf, griff zum Handy, wählte die Nummer ihres Elternhauses, klingelte ihre Mutter aus dem Schlaf und bat sie um Hilfe. Während Maike an der Parkhausschranke auf ihre Mutter wartete, kam einer der Restaurantbesitzer angerannt. „Ich habe gerade erst gehört, was los ist“, schnaufte er. „Ich kann mich für meine Leute nur entschuldigen. Natürlich leihe ich ihnen die paar Euro und ein Pfand brauche ich auch nicht. Kommen Sie nur gut nach Hause.“

Maike bedankte sich herzlich, zückte nochmals ihr Handy und stoppte ihre Mutter, die sich schon auf halber Wegstrecke befand. Auf der einsamen nächtlichen Heimfahrt dachte sie lange nach über Not, Misstrauen und Menschlichkeit.
Schönen Sonntag.