SonnTalk: Nice Sunrise

SonnTalk – Von Bärbel Taubitz

Das größte Katamaran-Rennen der Welt fand rund um Texel statt, just als Tina und Ralf ein verlängertes Wochenende auf der holländischen Nordseeinsel gebucht hatten. Von dem jährlichen Strandspektakel wussten sie nichts. Sie wollten nur eins: Mit dem Fotoapparat auf die Pirsch gehen. Schnepfen und Löffler statt Party und Picheln standen auf ihrem Plan. Und fantastische Sonnenaufgänge.

Sonntag, letzter Kurzurlaubstag. Gegen 5 Uhr sollte der Glutball aus dem Meer klettern. Also quälten sich die beiden um 4 Uhr aus den Federn und machten sich auf den Weg. Ein zartes Leuchten am Horizont drängte sie bereits zu Eile, während sie über die nächtlich verschlafenen Inselstraßen fuhren.

„Ob wir’s noch rechtzeitig schaffen?“ fragte Tina hektisch, da preschten die beiden an einem Polizisten am Wegesrand vorbei. Der startete sein Moped und knatterte hinter ihnen her, drängt sie schließlich mit Leuchtkelle zum Stop.

„Ihren Führerschein, bitte“, sagte der holländische Schupo in lupenreinem Deutsch. Und dann: „Speak English?“ Als die beiden stumm nickten, die entscheidende, gestrenge Frage: “What are you doing here?” – „Oh nein, was sagen wir denn jetzt?“ fragte sich Tina erschrocken, während sie dem Ordnungshüter auf die verspiegelten Brillengläser starrte. „Wenn wir dem erzählen, dass wir fotografieren wollen, glaubt der uns doch sowieso nicht. Der denkt, wir kommen von der Beachparty, lässt uns aussteigen und einen Alkotest machen. Und die Sonne geht auf – und das war’s dann mit den Fotos. Bei diesem tollen Licht, auch noch an unserem letzten Tag hier!“

Im Gegensatz zu Tinas Hysterie-Neigung lautet Ralfs Lebensmotto: Nicht denken, handeln. Und das tat er. Setzte ein cooles Gesicht auf und sagte in schlimmstem Englisch: „Wie wonnt tu fottogräff se sannreis.“ – „We want to photograph the sunrise? Wir wollen den Sonnenaufgang fotografieren? Ist der verrückt? Der Polizist denkt doch, wir wollen ihn verarschen!“ dachte Tina panisch. „Wer weiß, was der mit uns macht…“

Nichts machte er. Er schwieg und schaute Ralf prüfend an. Eine ganze Weile. Dann sagte er mit ernster Miene: „Okay… Then I wish you a nice sun­rise.” Setzte sich auf sein Motorrad und brauste davon. „Na, geht doch. Und jetzt mal los“, grinste Ralf, der beim Blick in das Gesicht seiner Frau das Rauschen in ihren Ohren förmlich sehen konnte. „Das Watt wartet!“

Es wurde übrigens der schönste Sonnenaufgang, den die beiden jemals erlebt hatten. Aber das beste daran: Immer wenn sie ihre rotleuchtenden Fotos zeigen, hat Ralf dazu noch eine kleine Anekdote zu bieten. Über Männer unter sich.

Einen sonnigen Sonntag allerseits.