SonnTalk: Nicht einfach

Viele Ältere können sich noch gut an die Zeiten erinnern, als es hieß: „20 Kilometer Stau in Emmerich bei der Ausreise in die Niederlande.“ Oder an die fiesen Zeiten, wenn man nach Berlin wollte und durch die DDR musste. Das war vor 1989 und in einer Ära, als Witze wie dieser landauf, landab erzählt wurden: „Wie ist die Stimmung in der Zone? – Hält sich in Grenzen.“

Grenzen. Das ist ein Wort, das viele Menschen in der Europäischen Union schon fast vergessen hatten. Schließlich wurde die meisten Barrieren in Westeuropa nach dem Schengen-Vertrag abgebaut.

Plötzlich rufen aber immer mehr Politiker und Bürger danach, die alten Grenzzäune wieder aus der Mottenkiste zu holen. Natürlich sollen sie vor allem dazu dienen, unliebsame oder gar gefährliche Flüchtlinge aus dem Land zu halten.

Dabei haben viele Deutsche die naive Vorstellung, dass man an der Grenze leicht unterscheiden kann – zwischen willkommenen Gästen und Warenströmen einerseits und unwillkommenen Menschen andererseits.

So einfach ist das aber nicht. Zumal viele, die im Laufe der vergangenen Wochen üble Verbrechen begangen haben, gar keine Flüchtlinge aus Syrien oder nahöstlichen Ländern waren. Blicken wir zum Beispiel nach Viersen, wo eine junge Rumänin erstochen wurde. Der mutmaßliche Täter stammt aus Bulgarien – ist also nicht nur ein Europäer, sondern auch noch ein EU-Bürger. Für ihn, den Ex-Freund der jungen Frau, hätten Seehofers Grenzkontrollen, sofern es sie früher schon gegeben hätte, gar keine Rolle gespielt. Ähnliches gilt für den zutiefst verabscheungswürdigen Velberter Vergewaltigungsfall. Hier waren es ebenfalls bulgarische Jugendliche, die sich an einer 13-Jährige vergangen haben.

Beim Blick auf jene polizeiliche Statistik, in der Verdächtige (nicht Verurteilte – was ja ein bedeutsamer Unterschied ist) aus Nicht-EU-Ländern für das Jahr 2017 aufgelistet sind, fällt auf, dass Staatsangehörige bestimmter Länder im prozentualen Verhältnis wesentlich häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten als Zuwanderer aus anderen Teilen der Welt. Vor allem Migranten vom Balkan (Albanien, Serbien, Kosovo), aus Osteuropa (Russland, Georgien) und aus Nord­afrika (Algerien, Tunesien und Marokko) weisen eine deutlich höhere „Quote“ auf.

Soll man deswegen also grundsätzlich keine Serben, Russen, Georgier oder Albaner mehr in unser Land lassen?

Oder sollte man gar aus „Schengen“ gänzlich aussteigen und lieber wieder in gigantischen Staus an der Grenze oder in langen Schlangen an der Passkontrolle im Flughafen stehen, wenn man aus dem Italien-, Spanien- oder Österreich-Urlaub heimkommt?

Denn wer „hü“ sagt, muss normalerweise auch „hott“ sagen. Sprich: Grenze ist Grenze – und zwar für jeden.

Das heißt es aber auch: Eine einfache Lösung, die uns ein offenes Land und gleichzeitig einen gegenüber kriminellen Zuwanderern hermetisch abgeriegelten Staat beschert, ist nicht „mal eben“ hinzukriegen. Ein Politiker, der das verspricht, ist mit Vorsicht zu genießen.

Schönen Sonntag – und machen Sie rasch Urlaub in Italien oder Holland, solange es noch ohne Grenzen geht.