Schief gewickelt

Von Bärbel Taubitz

Für einen wichtigen Advents­empfang bei einem Kunden brauchte Lars einen neuen Schlips. Ein preiswertes Stück war schnell gefunden – nur: wie geht ein Krawattenknoten? „Den lassen wir hier schnell im Laden machen,“ sagte die Freundin leichthin. Aber schon bei der ersten Verkäuferin scheiterte das Paar. „Ich kann das nicht, vielleicht die Kollegin, aber die hat Pause“, sagte sie schulterzuckend. Also Schlips wieder weg gehängt und auf ins nächste „Billig-Haus“. Nur ein gähnender Angestellter. Bei der Knotenfrage war auch er ratlos: „Vielleicht kann das ja Ihre Mutter…“ Die ist bereits verstorben, also suchte man ein weiteres Geschäft auf.
Freundlich war man dort, doch ebenso überfordert mit der Bitte, den ausgewählten Schlips zu knoten. „Ich kann das aber organisieren“, sagte die Verkäuferin eifrig, „wenn Sie die Krawatte wirklich wollen.“

Das Etikett wurde abgeschnitten, und die Dame lief aus ihrem Shop. „Können Sie eine Krawatte binden?“ fragte sie den erstbesten Mann, der im schlabbrigen Jogginganzug vorbeischlich. Ein verdutzter Blick und ein glasklares „Nö“ waren die Antwort.
Ein weiterer Herr, mit einem saftigen Döner in der Hand, zeigte sich hilfsbereiter. „Ich weiß nicht, ich kann’s ja mal probieren“, zwitscherte er. „Hier, halten Sie mal!“ – und drückte der Verkäuferin sein Fleischbrot in die Hand.

Bemüht fummelte er den gemusterten Stoffstreifen mit glänzenden Fingern an seinem Hals zurecht, zog ihn über die gegelte Haarpracht ab und reichte ihn der Verkäuferin. Nahm ihr sein Brötchen aus der Hand und ging von dannen.

„Na also“, strahlte die Dame, doch Lars und seine Gattin suchten mit dem Gedanken an den Fettschlips nur noch das Weite. Dass die Verkäuferin wüst hinter ihnen her schimpfte – egal!
„Ich hab die Schnauze voll“, maulte Lars. Doch einen letzten Versuch wollte seine Freundin noch wagen. Vielleicht brachte ja der bislang gemiedene, namhafte Herrenausstatter die Erlösung.

Ach, was für ein Segen war der Besuch in diesem Geschäft. Auswahl und Aufmerksamkeit, in Windeseile der perfekte Schlips ermittelt, mit nützlichen Erklärungen zu einem Top-Knoten gebunden und in einem edlen Pappschächtelchen verstaut. Mit den wunderbaren Worten: „Wenn Sie ihn sich aus Versehen aufziehen sollten, kommen Sie ruhig vorbei. Dann binden wir ihn wieder.“

Man weiß es, aber will es einfach manchmal nicht wissen: Wer Fachkompetenz sucht, muss in ein Fachgeschäft gehen. Und der Preis: absolut akzeptabel. Ach ja, der Empfang beim Kunden verlief übrigens erfolgreich und der Knoten sitzt nach wie vor.

Und immer dran denken: Einen derartigen Service findet man nur im örtlichen Einzelhandel und garantiert nicht online.Schönen Sonntag